Welt : Ein Rüpel wird weich

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Von Sassan Niasseri

Eminem, Amerikas Skandalrapper und Reizfigur unzähliger Homosexuellen- und Frauenverbände, gibt sich auf seinem neuen Album milde – er will vor seiner Tochter einen guten Eindruck machen. Keiner ist momentan so erfolgreich wie der Rapsänger Eminem. Der US-Amerikaner, dessen Künstler auf die Initialen M und M zurückgeht (nach seinem Geburtsnamen Marshall Bruce Mathers III) hat bis heute 25 Millionen Alben abgesetzt, und sein jetzt veröffentlichtes Werk „The Eminem Show“ hat sich in den USA gleich am Erscheinungstag 300 000 Mal verkauft. Dazu kommen fünf Grammy-Auszeichnungen in den letzten zwei Jahren. Und die aktuelle Single „Without me“ steht jetzt auch in den deutschen Charts auf Platz Eins.

In den USA sind es überwiegend weisse College-Kids, die Eminems Alben kaufen. Typen, denen HipHop bisher immer ein wenig zu „schwarz“ war.

Der Erfolg beruht vor allem auch auf den unzähligen Kontroversen, die der 29-Jährige schon seit seinem Karrierebeginn vor vier Jahren regelmässig inszeniert. Von Political Correctness hält er nicht viel. Eminem rappt gegen Frauen und Homosexuelle, also gegen alles, was für ihn in den Bereich Randgruppe fällt – abfällige Slangwörter wie „Bitches“ und „Faggots“ gehören zu seinem bevorzugtem Vokabular. Dabei tun Frauenrechtlerinnen und Schwulenverbände derweil alles, um ihn lahm zu legen. Bei öffentlichen Auftritten des Sängers rufen sie zu Massendemonstrationen auf oder reichen Petitionen bei Behörden ein, in einigen Bundesstaaten wird Eminem nicht mehr im Radio gespielt.

Lange Zeit dachte man, die Proteste seien eine gute PR für ihn. Doch neuerdings versucht der Sänger die Wogen zu glätten. Er sei, wie er in Interviews betont, kein Bösewicht. Vielmehr versuche er, die amerikanische „Doppelmoral“ der Prüderie und Gewaltverherrlichung bloß zu stellen. Solle er deshalb als Sündenbock herhalten? Längst habe er erkannt, dass er eine Entertainment-Marke geworden ist – und mittlerweile weniger politisch interpretiert werden muss, als es sein Ruf scheinbar verlangt. In dem „Without me"-Videoclip wackelt er allerdings noch einmal karnevalstoll als Osama Bin Laden verkleidet durch eine Höhle. So richtig aufgeregt aber hat das niemanden mehr.

Der Gewalt aber ist Eminem nicht wirklich abgeneigt. Seine Songtexte sind düstere, bisweilen abscheuliche Gedankenspiele, in denen er davon fabuliert, gemeinsam mit der sechsjährigen Tochter seine Frau Kim (von der er sich vor zwei Jahren scheiden ließ) zu ermorden; einmal wünscht er sich sogar, seine Mutter, die ihn immer schlecht behandelt habe, zu vergewaltigen. Für diesen öffentlich ausgetragenen Familienstreit verklagten ihn beide, Mutter und Exfrau, auf Schmerzensgeld in Millionenhöhe. Und Mrs. Mathers war sich auch für einen Konter nicht zu schade. Sie veröffentlichte, trashiger geht es nicht, einen Gegen-Rapsong, in dem sie über ihren Sohn herzieht. Manchmal dreht Eminem dann tatsächlich durch. Für seine Zanklust ist er unlängst von einem Gericht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Sänger hatte seine Exfrau bei einem Flirt mit einem anderen Mann erwischt. Es kam zum Streit, und Eminem zog eine Pistole. Eine ungeladene, immerhin. Aber für diese Haltung, in der nur das Faustrecht zählt, respektieren ihn die Fans. Er ist der erste weiße Rapsänger, der auch von afroamerikanischen Hiphop-Künstlern Zuspruch erhält. Was damit zusammenhängt, dass er, anders als andere weisse Rapper, tatsächlich aus der Unterschicht stammt.

Seine Herkunft ist ein echter amerikanischer „White-Trash"-Alptraum: Eminem wuchs in einer Wohnwagensiedlung am Stadtrand der Industriemetropole Detroit auf, verspottet von der weissen Middle-Class, dafür im Dauerkonflikt mit der eigenen Umwelt, in der überwiegend Afroamerikaner in ärmlichen Verhältnissen leben. Und auch sein Elternhaus war eine Katastrophe. Eminems Vater verliess die Familie wenige Monate nach der Geburt des Sohnes. Die Mutter, pillensüchtig und selbst noch nicht erwachsen, vernachlässigte Marshall Bruce, pendelte täglich zwischen Kansas und Detroit hin und her, von einem Gelegenheitsjob zum anderen. Damals übernahm der Onkel – er brachte sich vor zehn Jahren um – die eigentliche Erziehung; er war es auch, der Eminems musikalische Interessen förderte. Onkel Mathers schenkte dem damals Achtjährigen, so wird erzählt, eine Kassette des Rap-Meisters Ice-T.

Die Initialzündung.

Ein Märchen, vielleicht. 1997 wurde Eminem bei einer Talentshow entdeckt und sofort unter Vertrag genommen. Der Entdecker: Dr. Dre, einer der bedeutendsten HipHop-Produzenten überhaupt. Der konnte mit Weissen vorher gar nichts anfangen. So wurden auf einen Schlag alle auf den käsegesichtigen, kleinen Jungen aus Detroit aufmerksam. Eminem arbeitet heute noch mit Dr. Dre zusammen.

Aber an sein neues Album liess er den Mentor nicht ran. Eminem will erwachsen werden. Erwachsen werden vor allem, weil er seiner Tochter Hailie, für die er ein anteiliges Sorgerecht hat, ein Vorbild sein will. Die Vorstellung, nach einem Gerichtsurteil ins Gefängnis zu gehen und sich dann nicht mehr um sie kümmern zu können, sei, so sagte er dem „Rolling Stone“, unerträglich: „Wie kann ich Hailie all das erklären?“ Dein Vater war nicht lieb, und deshalb musst Du ihn im Gefängnis besuchen?". So weit darf es nicht kommen. Er hat ein Lied für sie geschrieben: „Hailie`s Song". Darin rappt er nicht, sondern singt, zum ersten Mal. Ganz freundlich, ohne Schimpfwörter. Auch der verhassten Mutter hat Eminem einen Gefallen getan. Im Herbst läuft in den US-Kinos „8 Mile“ an, ein biographischen Spielfilm, in dem die Geschichte seines Aufstiegs beschrieben wird. Natürlich kommt Mama auch darin vor. Aber als wahre Traumfrau – Kim Basinger hat die Rolle übernommen.

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