• Ein Schlag aufs blaue Auge - Verunsicherung gehört bei der Süddeutschen Zeitung zum Konzept

Welt : Ein Schlag aufs blaue Auge - Verunsicherung gehört bei der Süddeutschen Zeitung zum Konzept

Raoul Fischer

"Ein Mann im Blutrausch" steht über der Geschichte. Daneben ist Ernst August von Hannover abgebildet, der die Faust in Richtung Kamera ballt. Im Text stehen Sätze wie: "Was ist los mit Ernst August?" oder "Das Drama des Hochadels". Darunter findet sich eine Reihe von Illustrationen. Köpfe aus der Ahnengalerie des Welfen, gemalt als Karikaturen. Der Autor Christian Gottwalt gilt als Edelfeder. Aber hier setzt er sich dem Verdacht aus, auf auf der Gehaltsliste der Boulevard-Presse zu stehen. Dabei arbeitet er für das Magazin der Süddeutschen Zeitung, das seine Geschichte in der letzten Ausgabe brachte.

Gottwalt hatte eine These, nach der Ernst August von Hannover an einer genetisch bedingten Stoffwechselkrankheit leiden könne. Die verursache seine Aggressivität, den Hang zum Zuschlagen. Er hatte einen Wissenschaftler, der diese These vertritt. Der Rest war eine Frage der Darstellung. Dass der Artikel satirisch gemeint seien könnte, also inhaltlich nicht ernst genommen werden sollte, dementiert einer der Macher des Magazins.

"Die Geschichte ist genau so gemeint", sagt Ulf Poschardt. "Es gehört zum Konzept des SZ-Magazins, dass wir ernste Geschichten ironisch aufmachen und ironische Geschichten ernst." Der Chefredakteur des Magazins erklärt den Double-Bind-Effekt. Danach soll eine Geschichte mehrfach ansprechen: durch die Fakten, die sie beinhaltet, die interessante Darstellung und die Weise wie ein bestimmtes Thema vermittelt wird. Dass Leser eventuell durch diese Doppelkodierung verunsichert werden könnten, gehört beim SZ-Magazins zum Kalkül. "Diese Irritation ist gewollt. Wir wollen journalistische Stereotypen aufbrechen."

"So edel das Blut, so durchseucht scheint es mit dem Prügel-Gen. Bei Hofe geht die Angst um", schreibt Autor Gottwalt. Der Prinz hat durch seinen Anwalt Matthias Prinz sofort dementieren lassen und droht dem SZ-Magazin nun mit Klage. In München war man darauf eingestellt. "Wer immer sich der Person des Prinzen von Hannover nähert, weiß, was auf ihn zukommt", sagt Poschardt.

Wohl deswegen federt Gottwalt seine These durch vorsichtige Formulierungen ab. Da ist von einer "Verdachtsdiagnose" die Rede, die eine "denkbare Antwort" auf die Frage darstellen könne, warum Ernst August losprügelt. Auch in dem Interview mit dem Wissenschaftler Hans-Joachim Neumann aus Berlin fällt nur in der ersten Frage der Name des Prinzen, dann geht es ausschließlich um die Krankheit. "Wir haben diesen Artikel vor der Veröffentlichung von unseren Juristen überprüfen lassen und warten nun ab, wie der Prinz reagiert."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben