Welt : Ein Stückchen Selbstkritik zum Ehejubiläum

HOLGER WUCHOLD

In betont volksnaher Atmosphäre feiern Elizabeth II.und Prinzgemahl Philip ihre Goldene HochzeitVON HOLGER WUCHOLD LONDON.Der goldene Sechsspänner blieb im Stall.Die britische Königin und Prinzgemahl Philip nahmen den "schlichten" Dienst-Rolls-Royce, um vor Westminster Abbey vorzufahren, wo sie einander vor genau fünfzig Jahren das Ja-Wort gegeben hatten. "Möglichst informell und volksnah", so hatte die Palast-Regie die Hofberichterstatter wissen lassen, wolle die Queen ihre Goldene Hochzeit begehen.Für die Sympathiewerbung gab es gute Gründe.Laut einer Umfrage, die just zum königlichen Ehejubiläum veröffentlicht wurde, ist die Monarchie nochmals beim Volk im Ansehen gesunken.Nur noch zwanzig Prozent halten die Idee gut, daß der "Top-Job", wie Lady Diana das Amt des Staatsoberhaupts einst nannte, vererbt werden soll. So lag es wohl nicht nur am Londoner Regenwetter, daß sich die Zahl der Schaulustigen in Grenzen hielt.In der Kathedrale war dann das goldene Hochzeitspaar wieder unter seines Gleichen.Sechs Reisebusse hatten Vertreter des internationalen Hochadels gebracht.Nur Fergie fehlte.Das Enfant terrible der Königsfamilie hatte sich beleidigt für ein paar Tage nach Amerika abgesetzt, weil sie nicht auch zum Ball am Abend eingeladen worden war.Der Gottesdienst am Thanksgiving Day war der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Ehejubiläum, die im Sommer mit einer Gartenparty für 4000 Paare begonnen hatten.Der Erzbischof von Canterbury würdigte in seiner Predigt die Ehe der Jubilare als vorbildlich."Danke, danke dafür, wie Sie uns gemeinsam in Ihrer Ehe mit besonderer Hingabe gedient haben." Zu Fuß machten sich Elizabeth II.und Philip dann auf zur Downing Street, dem Amtsitz des Premierministers.Für einen kurzen Plausch mit den Untertanen blieben sie hier und da an den Absperrungen stehen, um Glückwünsche und Geschenke der Zaungäste entgegenzunehmen.In betont "volksnaher" Atmosphäre fand auch das Mittagessen statt, das Tony Blair für die Queen und ihren Mann gab.Neben dem Premier saßen am Tisch der Königin ein Jockey-Reiter, ein KFZ-Mechaniker, eine Polizistin und ein Landwirt.Prinz Philip und Blairs Frau Cherie, die an einem anderen Tisch saßen, waren ebenfalls umgeben von Leuten aus dem Volke. In seiner Tischrede plauderte der Premier ein wenig aus dem Nähkästchen.Es gehe gar nicht immer "steif und angestrengt würdevoll" zu, wenn er sich mit der Queen zum allwöchentlichen Gedankenaustausch hinter verschlossenen Türen treffe.Bei gleicher Gelegenheit habe er auch erfahren, so nahm Blair die Queen gegen jüngste Kritik in Schutz, daß sie sehr wohl tief bewegt von Dianas Tod gewesen sei.Bei Blairs Worten glaubte man einen Augenblick sogar, so etwas wie menschliche Rührung auf dem Gesicht Elizabeths ablesen zu können.Und in ihrer kurzen Dankesrede ließ sie ein Stück Selbstkritik durchblicken.Die Monarchie könne nur mit der Unterstützung des Volkes und in Übereinstimmung mit dem Volk überleben, sagte die einsichtige Queen. Am Abend wurde - ohne Volk - mit einem Hofball auf Schloß Windsor gefeiert.

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