Welt : Ein Tag wie jeder andere – nur anders

Auf den Berliner Flughäfen läuft der Betrieb normal weiter. Ganz so, als gäbe es keinen Krieg

Jörn Hasselmann,Tanja Buntrock

Von Jörn Hasselmann

und Tanja Buntrock

Sicherheit sieht man nicht immer. Wer gestern morgen in den Urlaub fliegen wollte, und kein Radio gehört hatte, merkte am Flughafen Tegel nichts von einem Krieg. Keine gepanzerten Polizeiautos an den Zufahrten, keine zusätzlichen Polizisten, keine Kontrollen – nichts. Im Innenring des Berliner Flughafens schlendern Bundesgrenzschutzbeamte in Zweierstreifen umher, gelassen, im Hemd, wie eigentlich jeden Tag. Eine Zweierstreife plaudert angeregt mit einer Frau vom Sicherheitsdienst – dienstlich wirkt das nicht, man lacht. Ein einsamer grüner Streifenwagen des BGS parkt vor den Flugsteigen. Erst wenn man die Beamten anspricht, merkt man, dass doch kein normaler Tag ist. Die Bundespolizisten schweigen eisern auf jede Frage, nicht mal ein „Guter Morgen“ kommt ihnen locker über die Lippen. „Wenden Sie sich an das Bundesministerium des Innern“, ist die gleichlautende Antwort. Offensichtlich wurde ihnen das bei der morgenlichen Dienstbesprechung auf den Weg gegeben.

Gelacht wird an Schalter 20. Sekretärinnen warten auf die Abfertigung. Ein Ehemann verteilt reihum kleine Fläschchen mit Wodka-Pflaume-Likör aus der Großpackung. „Zur Beruhigung?“ „Nein, wir freuen uns auf das lange Wochenende“.

An Schalter 11 warten zwei junge Angestellte von der Lufthansa auf den nächsten Flug und die nächsten Passagiere. An diesem Tag seien die Flüge normal voll gewesen, berichten sie. Da in Berlin keine Flüge in das Krisengebiet starten, sei man von Flugstreichungen nicht betroffen. „Und die Passagiere, die von München oder Frankfurt in den Nahen Osten starten wollten, wissen Bescheid, dass ihre Flüge abgesagt wurden. Von Tegel starten ja nur die Zubringer.“ Die Lufthansa hatte zum Beispiel von Frankfurt Flug LH 3618 nach Amman in Jordanien gestrichen. Auch die Flüge nach Tel Aviv und Beirut starteten nicht. Dagegen starteten ab Tegel die Urlaubermaschinen in die ägyptischen Städte Hurghada und Luxor pünktlich. Auf der Homepage von Aero Lloyd heißt es dazu: „Derzeit hat das Auswärtige Amt keine Reisewarnungen für die Urlaubsgebiete unserer Fluggäste ausgesprochen. Alle Aero LLoyd Flüge werden daher planmäßig durchgeführt.“ Die Lufthansa-Hostess von Schalter 11 bestätigt, dass nicht mehr Polizei im Einsatz ist als in den letzten Wochen. „Sie sind heute aber schärfer bewaffnet“, sagt die Lufthansa-Angestellte. Tatsächlich: Am Haupteingang steht ein Bundesgrenzschützer, der eine Maschinenpistole dabei hat, er trägt sie halb auf dem Rücken, völlig unauffällig.

In Tempelhof war von den wenigen verbliebenen Flügen keiner zu spät oder abgesagt.

„Alles läuft top am ersten Tag“, sagte Eberhard Elie, Sprecher aller Berliner Flughäfen. Sogar die Maschine der israelischen Gesellschaft El Al sei fast pünktlich in Schönefeld gelandet, sagte Elie. „Da hat mich schon etwas gewundert, dass die geflogen sind.“ Denn die El Al gilt als die gefährdetste Fluglinie der Welt, alle Flüge stehen unter extremen Sicheheitsbedingungen. So steht seit Monaten ein Räumpanzer des Bundesgrenzschutzes bei Starts und Landungen der El Al auf dem Flugvorfeld bereit.

Ansonsten sah man jedoch außen und im Ankunfts- und Abflug-Terminal auch nichts von verschärften Sicherheitsvorkehrungen auf dem Flughafen Schönefeld. Lediglich zwei Polizisten wandelten durch den Abflugbereich. Im Terminal B ging vormittags ein Flug nach Paphos, dem griechischen Teil Zyperns. Die Flugpassagiere beim Check in reagierten relativ gelassen. „Zypern ist weit weg vom Krisengebiet“, sagt ein Mann. „Nein, Angst habe ich nicht“, sagt die 39-jährige Carola Täuber, die eine Woche lang auf der Insel ausspannen und Motorrad fahren möchte. Aber ein „leicht beklemmendes Gefühl“ habe sie, denn schließlich sind dort die Briten stationiert. „Aber es wird schon gut gehen.“ Ähnlich sah es ein älteres Ehepaar. „Gestern habe ich noch Panik gehabt, als ich alles zum Krieg im Fernsehen gesehen habe“, sagt die Frau. „Aber nun wollen wir endlich in die Sonne. Wir lassen es auf uns zukommen, viel machen kann man ja sowieso nicht.“

Zu gefährlich ist es seit Kriegsbeginn Dirk Lubisch und seiner Lebensgefährtin Verona Gauda geworden. Sie sind voller Sorge zu einem der Last-Minute-Reisebüros am Flughafen Schönefeld gegangen, um ihre Pauschalreise in die Türkei zu stornieren. „Am Freitagmorgen sollte es eigentlich für eine Woche nach Antalya gehen, sagt Lubisch, „aber das ist uns zu gefährlich.“ Schließlich seien die türkischen Touristengebiete besonders bedroht, meint er. „Die Türken haben den Amerikanern Überflugrechte gewährt, in der Osttürkei sind die Amerikaner präsent.“ Das Paar verlangt nun vom Reiseveranstalter, dass es eine Alternative angeboten bekommt.

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