Welt : Ein wacher Blick kann retten

Elisabeth Binder

Wegschauen ist einfach, ist bequem. Laute Schreie zu überhören, bringt einen selber nicht in Gefahr. Stumme Schreie zu überhören, macht in der Regel nicht mal ein schlechtes Gewissen. Dass es möglich ist, in Nachbarschaft mit einem Verbrecher zu leben, der ein Kind acht Jahre lang in seiner Gewalt hält, erschreckt zutiefst. Der Mann lebte nach außen unauffällig. Dass aber niemand die beiden bei nächtlichen Spaziergängen gesehen und sich gewundert hat, ist seltsam. Auch dass sich Nachbarn zwar erinnern, das eingeschüchterte Opfer und den Täter beim Einkaufen gesehen zu haben, dass sich aber niemand wirklich dafür interessiert zu haben scheint. Es gibt viele gute Entschuldigungen, sich nicht einzumischen. Gerade in Deutschland mit seiner Stasi- und Nazi-Vergangenheit ist das noch mehr so als in vielen anderen Ländern. Wer sich nicht für andere interessiert, bespitzelt sie auch nicht, verhält sich also vermeintlich korrekt, wo nicht gar tugendhaft.

Spitzelei ist aber nur die schlechte, die dunkle Seite eines Interesses für andere Menschen, das auch eine gute Seite hat. Nämlich dann, wenn es nicht heimlich geschieht und nicht aus dem Motiv heraus, dem anderen zu schaden oder sich selbst aus welchen Gründen auch immer zu nützen. Wer für andere Menschen Interesse zeigt, wer Aufmerksamkeit trainiert und seine Augen bewusst offen hält, muss ja seiner Umwelt deshalb nicht gleich auf die Nerven gehen. Es wäre sehr lästig, wenn Nachbarn, die sich lange kennen, einander mit Beobachtungen kleinster Banalitäten gegenseitig auf die Nerven gingen. Aber wenn man wirklich mal ein komisches Gefühl hat, dann ist es unter Umständen kein Fehler, dem einfach nachzugeben, auch auf die Gefahr hin, sich mal lächerlich zu machen. Dass ein so ungeheuerliches Verbrechen nicht auch eine unsichtbare Ausstrahlung hat, die sensible Menschen erreicht, ist schwer vorstellbar. Leute, die zurückgezogen leben und die man nur vom Sehen kennt, kann man ja unter einem Vorwand einfach mal ansprechen. Leider gibt es keine Patentrezepte. Aber es wird immer Leid geben, das vielleicht gemindert oder verkürzt werden könnte, wenn Menschen mit weit geöffneten Augen durchs Leben gehen. Und manchmal Konsequenzen daraus ziehen, mindestens dann, wenn eine innere Stimme sie dazu drängt.

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