Ein Werk wie "Schindler's List" : Steve McQueens "12 Years a Slave" schon jetzt Oscar-Favorit

Der Film "12 Years a Slave" des Regisseurs Steve McQueen hatte schon beim Publikum des 38. Toronto International Film Festival ernorme Reaktionen ausgelöst. In England und den USA überschlagen sich jetzt Medien mit Lobgesängen auf einen Film, der mit "Schindlers Liste" verglichen und als Favorit für die Oscars gehandelt wird.

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"Die Debatte beginnt gerade erst", sagt Steve McQueen (links) bei der Pressekonferenz zu "12 Years a Slave".
"Die Debatte beginnt gerade erst", sagt Steve McQueen (links) bei der Pressekonferenz zu "12 Years a Slave".Foto: dpa

Das Sklaven-Drama „12 Years a Slave“ des britischen Regisseurs Steve McQueen war beim 38. Toronto International Film Festival vom Publikum gefeiert worden. Zuvor hatte die tragische Geschichte des entführten Schwarzen Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der versklavt und gefoltert wird, zu emotionalen Momenten, Tränen und Schreckensschreien geführt. Zahlreiche Zuschauer verließen Berichten zufolge wegen der Darstellung von brutalen Folterszenen den Saal.

"12 Years a Slave" mit Michael Fassbender als Sklavenhalter

Die Zeitungen im anglo-amerikanischen Raum überschlagen sich förmlich in ihren Kritiken zum Film. Der britische "Guardian" bezeichnet den Film als diesjährigen "Django Unchained". Der Film sei nicht einfach nur großartig, sondern notwendig. Obwohl der Film eine typische, filmische Übertreibung sei, konfrontiere er uns mit einer Praktik, die in den Vereinigten Staaten von Amerika fast 250 Jahre üblich war. Besonders lobende Worte findet der "Guardian" für Michael Fassbender, der den grausamen Plantagen-Besitzer Edwin Epps spielt. "Fassbender ist brillant in diesem Teil. Gewalt ist immer nur um Haaresbreite entfernt." Sein Glaube in die eigene Autorität resultiere in einer Exzentrik, die teilweise "so filigran und feinfühlig ist, dass sie sogar noch entsetzlicher" sei, als das unstete Gemüt von Epps.

Der Film provoziere zuerst Horror und Ekel. Später komme jedoch Erbitterung auf, das Gefühl, dass "man einfach nicht mehr weiterschauen kann". "Der Film hält sich nicht zurück", komme aber auch nicht belehrend daher. Steve McQueen, der Regisseur, lasse alle Dialoge ihre eigene Nachricht tragen. "Am Ende des Films gibt es keine mitreißende Rede, keine Versprechen des Wandels und keine blutigen Rachephantasien, nur den anhaltenden Blick auf einen Mann, der untröstlich schluchzt."

Abgesehen vom Film als solchen lobt der "Guardian" das Zeitgespür für die Präsentation. Die Premiere des Films war ursprünglich für das Festival in Cannes erwartet worden. Auch Venedig hatte sich Hoffnung gemacht. Toronto sei aber "sowieso eine verlässlichere Oscar-Startrampe."

"12 Years a Slave", der Oscar-Favorit

Die "Los Angeles Times" hat die emotionale Verfassung der Zuschauer und Macher des Films im Fokus. Beim Interview nach der Premiere des Films merkte man Produzent und Mit-Darsteller Brad Pitt seine Ergriffenheit an. "Sollte ich nie wieder an einem Film mitarbeiten, dann ist das ok. Der hier war es für mich." Die anderen Darsteller müssten diese Emotion teilen, schreibt die "Los Angeles Times". Festivals kämen und gingen, Filme stiegen auf und fallen, "aber alle paar Jahre gibt es einen Film, der sich anfühlt, als würde er andauern und auf dem Weg eine Menge Dinge ändern. '12 Years a Slave' bietet dieses Gefühl an." Obwohl es noch früh sei, sei der Film bereits Hauptanwärter für diverse Darsteller-, Drehbuch- und Regiepreise, darunter natürlich auch die Oscars. Das sei vielleicht verfrüht, aber "das würde niemand sagen, der tatsächlich im Raum saß, während der Film lief." Diese Art wirkungsvoller Ehrlichkeit sei rar in einem Hollywood, das nur zwischen "respektvollem Geschichtsdrama und einfacher Sentimentalität" unterscheiden könne. Wenn man den Film mit anderen über das Thema Rasse vergleiche, stoße man zwangsläufig auf "Schindler's List". Der Film hätte eindrucksvolles Filmemachen mit einem wirklich wichtigen Thema verknüpft und so etwas Einzigartiges geschaffen. Er hätte damit den Blickwinkel auf eine verheerende Zeit unserer Geschichte mithilfe des Kinos geändert. "'12 Years' hat die Macht, das selbe zu tun." Vor allem werde der Film die Art und Weise verändern, wie Menschen über Sklaverei sprechen. "Leute werden über Sklaverei sprechen, wie sie es vorher nie taten, denn sie 'erfahren' sie, wie nie zuvor." Regisseur Steve McQueen selbst sagt: "Die Debatte [über Sklaverei] beginnt gerade erst."

Die "Huffington Post" bezeichnet "12 Years" als frühen Favoriten für den Oscar als "Bester Film". Der Film sei absolut brutal und schwer zu ertragen. "12 Years" sei der "Soldat James Ryan" der Sklaverei-Filme und gehe dabei, wie im Poker, "all in" beim Horror des Themas. Die Kritiker unterhielten sich über den Film, wie bei keinem in diesem Jahr.

"12 Years a Slave" brennt sich ins Gedächtnis

Adam B. Vary, Film-Reporter von "BuzzFeed" adelte "12 Years" auf Twitter als "den besten, emotional mächtigsten Film, den ich seit einem Jahrzehnt, mindestens, gesehen habe." Er wolle den Film nicht überbewerten, aber jeder, der Filme und Geschichten liebt und dabei gleichzeitig ein Mensch ist, werde es verstehen. "'12 Years a Slave' ist ein Film, den man sehen MUSS. Er sollte alle Oscars gewinnen."

Vary bezeichnete sich selbst als "schluchzendes Wrack", während er den Film sah. Jeder müsse ihn sehen, weil er "der einzige amerikanische Film ist, der sich frontal mit Sklaverei beschäftigt" und "weil wir alle menschliche Wesen sind, die Gefühle besitzen." Der Film werde sich in das Gedächtnis eines jeden brennen, der ihn sieht.

Auch andere haben kaum noch Zweifel daran, dass "12 Years a Slave" den Oscar für den besten Film erhalten wird. "Schließt die Bücher, legt die Stifte weg. Ich habe gerade den Gewinner des Oscars für den besten Film gesehen und er ist '12 Years a Slave'", schrieb Kyle Buchanan, der Chefredakteur des Filmmagazins "Vulture". "Was, bitteschön, soll diesen Film im Rennen um den Oscar schlagen?"

Filmemacher Steve McQueen („Shame“) erklärte am Wochenende vor Journalisten in Toronto, dass er mit seinem Werk nicht schockieren, sondern die Wahrheit auf die Leinwand bringen wollte. „Das Buch ist um einiges brutaler, als wir es im Film zeigen“, sagte der Regisseur. „12 Years a Slave“ basiert auf den Memoiren von Solomon Northup, einem angesehenen schwarzen Violinisten, der 1841 aus dem liberalen Norden in den Süden der USA entführt und als Sklave verkauft wurde. (mit dpa)

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