Welt : Ein Wrack wird besiedelt

Elke Windisch

Das Raumschiff PM-30 startete gestern zur russischen Raumstation. Private Sponsoren finanzieren die MissionElke Windisch

Alles war so, wie es immer war: Nachdem die Ärztekommission am Montag grünes Licht für den Flug gegeben hatte, sahen sich die russischen Astronauten Sergej Saljotin und Alexander Kaljeri den Film "Die weiße Sonne der Wüste" an - eine nicht ganz ernst gemeinte Huldigung an die heldenhaften Rotarmisten in den frühen Zwanzigern. Danach ging es zeitig ins Bett. Ungewohnt pünktlich - um 09.01 Uhr Ortszeit - startete gestern ihr Raumschiff PM-30 vom Kosmodrom im kasachischen Baikonur.

Dieser Flug ist dennoch einmalig. Schon am Donnerstagabend soll das Raumschiff an der Weltraumstation "Mir" andocken. Die aber war im Herbst vergangenen Jahres offiziell aufgegeben worden. Aus gutem Grund: "Mir" kreist bereits seit 14 Jahren um die Erde und machte in den letzten Jahren immer wieder durch technische Pannen Schlagzeilen. Mal war es ein Brand, mal fielen die Bordcomputer aus und der Bolide taumelte orientierungslos durch das All, mal gaben die altersschwachen Solarbatterien den Geist auf, wodurch es an Bord zu Sauerstoff- und Wasserengpässen kam.

Unabhängige Experten hatten die "Mir" daher schon vor vier Jahren zu Schrott erklärt. Mehr noch: Die Station, die seit Oktober von einem Autopiloten gesteuert wird, sollte im letzten Dezember auf eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden und dann verglühen.

Nun ist alles ganz anders. Die "Mir", so hieß es schon am Sonntag im Moskauer Flugleitzentrum, könne es im Dienst für das Vaterland noch weitere drei Jahre machen. Vorausgesetzt, den beiden Astronauten gelingt es, ein Leck zu orten, das für konstanten Druckabfall im Innern der Station sorgt. Die letzte Besatzung hatte den Großteil ihres Weltraumaufenthaltes daher in Raumanzügen verbringen müssen.

Doch selbst wenn das Unternehmen gelingt, ist die Zukunft der "Mir" nach wie vor ungewiss. Ihre weitere Nutzung steht und fällt mit privaten Sponsoren. Den gegenwärtigen Flug, der etwa 45 Tage dauern soll, finanzierten Investoren mit über 20 Millionen Dollar. "Wenn die Sponsoren nichts nachschießen", warnte Flugingenieur Kaljeri daher bereits in der englischsprachigen Tageszeitung "The Moscow Times", würde die Crew gezwungen sein, die "Mir" nach Beendigung der Mission erneut auf Autopilot zu schalten und auf bessere Zeiten zu warten.

Pläne zur kommerziellen Nutzung der Station geisterten daher schon wiederholt durch die Medien. Sogar von Extremtourismus im All war die Rede. Einschließlich Flugvorbereitung hätten potenzielle Weltraumbummler zwei Millionen Dollar für einen vierzehntägigen Aufenthalt an de Bord der "Mir" zu berappen. Für Russlands Neureiche ist das offenbar kein Problem. Die Raumfahrtbehörde soll schon mehrere ernst gemeinte Anfragen bekommen haben.

Dass die "Mir" eines Tages tatsächlich verschrottet wird, kann sich hierzulande kaum jemand ernstlich vorstellen. Moskau würde dann nämlich die Möglichkeit zur konstanten Erdbeobachtung aus dem All verlieren. Dagegen sprechen aus Sicht der Militärs vor allem sicherheitspolitische Erwägungen. Zwar beteiligt sich Russland zusammen mit den USA, der Europäischen Union, Japan und Kanada am Bau einer neuen internationalen Weltraumstation. Doch dort hat Russland nur noch auf ein Drittel aller Plätze Anspruch und verliert die Möglichkeit, sich an jeder Expedition mit einem eigenen Astronauten zu beteiligen.

Dazu kommen finanzielle Engpässe, die bereits jetzt zu erheblichen Verzögerungen führten. Pläne, wonach eine erste Besatzung die neue Station schon Ende des Jahres beziehen sollte, haben die Teilnehmer das Megaprojektes daher längst aufgegeben. Moskau, das unter anderem für die Konstruktion des Service-Moduls verantwortlich ist, wurde bereits mehrfach verwarnt, und läuft Gefahr, im Wiederholungsfall von der weiteren Teilnahme am Programm ausgeschlossen zu werden.

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