Welt : Ein Wurm gegen die Welt

Nichts ging mehr – CIA und FBI waren hinter ihm her: Ein Junge hat Millionen Computer lahm gelegt

Stefan Krücken

Die Angst kam, als er in der „Tagesschau" sah, dass nun auch das FBI hinter ihm her war. Dass Krankenhäuser in Hongkong, eine der größten Banken Finnlands und überhaupt Millionen Rechner von seinem Werk betroffen waren. Dass vielleicht die russische Mafia dahinter steckte. Oder Terroristen. „Oweia, das FBI“, dachte er, dachte an seine Schulklasse in Rothenburg an der Wümme, in der doch alle die Wahrheit kannten, über ihn und seinen Computerwurm.

„Eigentlich wollte ich bloß“, sagt SvenJ. jetzt sehr leise und senkt die Stimme, bis ein Flüstern übrig ist: „den anderen Virus aufhalten.“ Er starrt auf die Tischplatte, als öffne sich dort gleich ein Notausgang; es dauert, bis man ihm die nächste Frage stellen kann. Sven J. ist ein schlaksiger Teenager, 1,85 Meter in einem weiten Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen. Um den Mund, aus dem man jeden Satz und jedes Wort herausziehen muss, sprießen ein paar Pickel.

Sven J. ist der Erfinder der Computer-Würmer „Netsky“ und „Sasser“, die Millionen Computernutzer zur Verzweiflung trieben. Wegen ihm konnten Flugzeuge der Delta Airlines nicht starten, musste die Britische Küstenwache wieder mit Seekarte und Bleistift navigieren, in Taiwan kam die Post zu spät. Bei der EU-Kommission in Brüssel funktionierte kaum etwas, und in Australien saßen Tausende Reisende fest, weil Züge stehen blieben. Sven J., heute 18, der sich so unsicher bewegt, als wolle er sich am liebsten unsichtbar machen, hat gezeigt, wie verletzbar die Welt der Computer sein kann.

Seine Geschichte beginnt in Waffensen, einem Dorf in den weiten Feldern Niedersachsens, durch das Kühe muhen und Trecker tuckern. Sven ist 13, als ihm seine Eltern einen Computer schenken, er liebt es anfangs, damit zu spielen, Lara Croft, Autorennen, solche Sachen, aber bald ist das langweilig. Programmieren wird seine Leidenschaft, neben dem Angeln, er mag die Einsamkeit. Sven ist ein Einzelgänger, der selten Parties besucht und keinen Alkohol trinkt. Er spielt Fußball beim TV Hassendorf, sieht gerne Shows der TV-Richterin Barbara Salesch, mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten.

Weil er im Beruf später mit Computern arbeiten will, besucht Sven die Berufsfachschule für Informatik in Rotenburg an der Wümme. Es ist Januar 2004, als er im Unterricht von „Mydoom“ hört, einem PC-Wurm, der sich zu einer Plage im Internet entwickelt. Ihm kommt eine Idee: Wie wäre es, ein Programm zu entwickeln, dass sich noch schneller verbreitet als „Mydoom“? Einen Anti-Wurm-Wurm? Er fragt Bekannte um Rat. „Manche haben gemeint, ich solle etwas reinschreiben, das Schaden anrichtet“, berichtet Sven, „aber das wollte ich nicht.

Täglich bis zu zehn Stunden vertieft sich Sven in sein Projekt, an manchen Tagen schwänzt er dafür den Unterricht. Sein Freund Ole (Name geändert) will zuerst helfen, steigt aber aus, weil ihm die Sache zu kompliziert erscheint, doch den Programmierer vom Dorf halten Startprobleme nicht auf. „Man kann sehr kreativ sein“, schwärmt Sven noch heute, „das ist, als ob man ein Bild malt.“ In seiner Begeisterung wird der schweigsame Teenager mitteilsam. Seine Mitschüler sind stets über den aktuellen Entwicklungsstand informiert, nur die Eltern ahnen nichts. Im Kellerraum neben Svens Zimmer, von einer Wand aus Sperrholz getrennt, hat der Stiefvater sein Büro. Haupteinsatzgebiet der kleinen Firma: Hilfe bei PC-Problemen.

In der Nacht auf den 14. Februar, nach drei Wochen und 2000 Befehlszeilen, ist der Wurm fertig. Sven fühlt sich, „als ob ich eine Eins geschrieben habe“, und beginnt damit, E-Mail-Adressen aus dem Internet zu fischen. Der Schädling durchsucht, sobald eine Mail geöffnet wird, die Festplatte des Rechners nach Adressen und schickt sich selbst weiter. Immer größer werdend kriecht der Wurm aus Waffensen durchs Internet; die Antiviren-Firma, die ihn zuerst entdeckt, tauft ihn „Netsky“. „Ein schöner Name“, findet Sven, und seine Schulklasse freut sich mit ihm. Er, der sonst zu schüchtern ist, ein Referat zu halten, genießt die Aufmerksamkeit. Genießt jeden Moment.

Die Anerkennung befeuert Sven, immer neue Varianten zu schreiben. In einer Woche schafft er fünf, bis Ende April insgesamt 29 „Netsky“-Versionen. Am Ende sind es so viele, dass den Antiviren-Firmen die Namen auszugehen drohen: „Ich habe fast gar nichts anderes mehr gemacht“, erinnert er sich. Er verbessert die Texte, die seine Opfer verleiten sollen, die wurmverseuchten Mails zu öffnen: „Auf diesem Bild sind sie nackt!“, schreibt er, oder: „Sie sind infiziert! Lesen Sie die Details!“

„Netsky“ bombardiert Millionen von PC-Nutzern mit sinnlosen Mails und verstopft das Internet. Aus dem Schneeball ist eine Lawine geworden, und in einer Nacht Anfang März, als Sven gerade mit einigen Bekannten chattet, berichtet das ARD-Nachtmagazin darüber. „Das ist ja fett“, staunen die Kumpels. Nur manchmal kommt Sven der Gedanke, dass es Ärger geben könnte, aber wie soll man ihn schon finden? Es wird wärmer in Waffensen, das schon mal mit Gold ausgezeichnet wurde bei „Unser Dorf soll schöner werden“. Die Luft riecht nach Frühling, auf den Weiden grasen wieder Kühe.

Kurz vor seinem 18. Geburtstag am 29. April widmet sich Sven dem nächsten Plan. Der neue Wurm soll eine in Fachkreisen bekannte Sicherheitslücke im Betriebssystem Windows von Microsoft ausnutzen und sich ohne Zutun der PC-Nutzer vermehren. Was noch fehlt, ist ein Code, der ihm erlaubt, in fremde Rechner einzudringen. Warum er es tat? „Die Leute sollten sehen, wie unsicher ihre Computer sind“, sagt Sven, „das sollte ein Warnschuss sein.“ Er findet den Code im Internet, wo Seiten existieren, auf denen man das Virenschreiben üben kann; es ist sogar halbgebildeten Laien möglich, Virenskripte herunter zu laden und leicht abgeändert im Internet loszulassen.

Der Experte Sven benötigt sechs Stunden, bis der Wurm vollendet ist, den man später „Sasser“ taufen wird. Sechs Stunden. Sven schickt ihn als E-Mail ab, er ahnt nicht, dass es der vielleicht teuerste Mausklick seines Lebens wird. „Mal schauen, was die Kumpels dazu sagen“, denkt er. Doch bald gibt es Probleme: „Sasser“ verbreitet sich anfangs nicht und schaltet obendrein befallene Rechner aus. Schnell schreibt Sven drei neue Varianten; der Wurm legt zwar nun los, lässt aber noch immer die infizierten Computer abstürzen. Offenbar ein Fehler im Code, den er eingearbeitet hat. Ein Warnschuss mit scharfer Munition, so war das nie geplant. Sven wird unruhig.

Was dann passiert, verfolgt er fassungslos in den Nachrichten: Millionenschäden. CIA. FBI. Panik. Es ist Mittwoch, 5. Mai, als Sven seine letzte Sasser-Variante mit einer flehentlichen Bitte versieht, doch endlich das Sicherheitsproblem zu beseitigen. Der Konzern Microsoft, dem der Fehler ebenfalls bekannt gewesen war und der vergeblich seine Kunden gewarnt hatte, verschärft noch am selben Tag die Jagd: Man setzt 250000 Dollar Belohnung für Hinweise aus, die zur Festnahme des „Sasser“- Programmierers führen.

Sven denkt darüber nach, Teile seiner Festplatte zu löschen und ruft so ziemlich jeden an, den er kennt, um zu erzählen, dass er nichts mehr mit Würmern zu tun haben will. Er reagiert wie ein Junge, der bei einem bösen Streich erwischt wurde und nun alles wie eine Kassette wieder auf Anfang spulen will. Während er noch einige Daten verschlüsselt, trifft sich sein Freund Ole, von dem er tags zuvor einen CD-Brenner kaufte, in einem Bremer Luxushotel mit einem Wurmjäger von Microsoft.

Freitag, 7. Mai, halb drei. Sven ist aus der Schule gekommen und hat sich wie immer sofort an den Rechner gesetzt, als sein Bruder ins Zimmer kommt und ruft: „Draußen parken aber viele Autos“, und da klingelt es schon an der Tür. Männer in Anzügen betreten das Haus, nicht vom FBI, aber immerhin Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts. Jemand zeigt den Durchsuchungsbefehl, dann beginnen sie damit, Computer abzubauen, CDs einzustecken, Fotos zu machen. Sven sitzt zitternd auf dem Bett und bringt kein Wort heraus. „Ich dachte, mein Herz bleibt stehen“, berichtet er mit tonloser Stimme. Während eines dreistündigen Verhörs im Polizeipräsidium von Rotenburg gibt er stockend alles zu. Als er abends wieder nach Hause kommt, sitzt der Stiefvater schweigend am Küchentisch, die Mutter weint. Sven geht zu Bett, doch der Albtraum fängt jetzt erst an.

Wenige Stunden später baut das erste Kamerateam vor dem rotgeklinkerten Einfamilienhaus auf. Bald besuchen Dutzende Journalisten das Dorf, das nur in Karten mit kleinem Maßstab auftaucht. Chaostage in Waffensen. Die Programmierer von „Mydoom“, den „Netsky“ gelöscht hatte, stellen aus Rache sein Foto und seine Anschrift ins Netz. Sven empfängt wüste Beschimpfungen, sogar Morddrohungen.

„Am schlimmsten wird der Prozess“, fürchtet Sven und duckt sich dabei, als erwarte er Schläge. Allein die Vorstellung, „da vorne zu sitzen“, dem Richter antworten zu müssen, vor all den Leuten, den Zuschauern, den Anwälten, lässt ihn schon jetzt unruhig schlafen: „Das wird wie auf einer Bühne“, stößt er hervor, „wie am Pranger!“

77 Seiten hat die Anklageschrift, 143 Geschädigte erstatteten Anzeige. „Wie groß der Gesamtschaden wirklich ist, können wir nur ahnen“, sagt Helmut Trentmann, Leitender Oberstaatsanwalt in Verden. 50000 Betroffene hatten alleine in den ersten drei Tagen die Hotline von Microsoft angerufen; gerade Großunternehmen verzichteten lieber auf eine Anzeige, weil sie aus Imagegründen kein Sicherheitsproblem eingestehen wollen. Wann der Fall Sasser verhandelt wird, steht noch nicht fest. Die Kammer sei wegen anderer Fälle derzeit völlig überlastet, sagte ein Gerichtssprecher. Auf Computersabotage stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Es kann sein, dass nach dem Verfahren Schadensersatzforderungen auf Sven J. zukommen, vielleicht sogar in Millionenhöhe. 517 Euro brutto verdient er derzeit im Monat, als Auszubildender im ersten Lehrjahr. Ausgerechnet bei „Securepoint“, einer Firma in Lüneburg, die sich auf Firewalls und Antivirensoftware spezialisiert hat. „Wir wollen Sven eine Chance geben“, sagt Geschäftsführer Lutz Hausmann. Als bekannt wurde, dass er den „Sasser“-Erfinder eingestellt hatte, hörte Hausmann heftige Beleidigungen. „Das ging über jede Grenze“, klagt er, „als ob der Junge ein Mörder wäre.“

Und dann berichtet er von Viren, die, wenn man nur einen Bruchteil zur gleichen Zeit aktivierte, das Internet lahm legen könnten; von Schätzungen, dass digitale Schädlinge im vergangenen Jahr Schäden von mehr als 55 Milliarden Dollar verursachten. Dass es womöglich nur eine Frage der Zeit ist, wann ein gezielter Angriff auf das vernetzte Nervensystem der Welt erfolgt. „Stellen Sie sich mal vor, Sven hätte seinen Würmern den Befehl mitgegeben, alle Daten von der Festplatte zu löschen“, sagt Hausmann, lehnt sich im Stuhl zurück und lässt das Szenario kurz einwirken. „Na?“

Als das Gespräch beendet ist, wartet Sven auf seinen Chef, er hat noch eine Frage.

„Herr Hausmann, es ist wieder so ein gelber Umschlag bei mir angekommen. Da steht drin, dass die Leute bei mir pfänden wollen“, sagt er.

„Zeig mal her, so schnell geht das nicht“, antwortet Hausmann.

„Wirklich nicht?“

Hausmann klopft ihm beruhigend auf die Schulter. Sven J. nickt stumm und schlurft aus dem Raum, zurück ins Büro, an seinen Rechner. Er arbeitet gerade an einem Schutzwall.

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