Welt : Eine Ausstellung in New York zeigt den Haushalt der Zukunft

Andreas Oswald

Der Elektronik-Konzern Philips präsentiert "intelligente Küchenschürzen" und "Gefühlscontainer" - der multimediale Alltag von morgen?Andreas Oswald

Er schläft schon, sie liegt wach und betrachtet einen Film, der über ihr auf die Decke des Schlafzimmers projiziert wird. An ihren Ohren befinden sich noch immer ihre funkelnden Ohrringe, die sie noch nicht abgelegt hat, weil sie gleichzeitig die Funktion von Kopfhörern übernehmen. So kann die Frau den Ton des Films hören, den sie mit einem mündlichen Befehl vom Fernsehen oder vom Internet an die Schlafzimmerdecke gezaubert hat. Sie kann auch die Frage ihres siebenjährigen Kindes, das wach geworden ist und sitt aber hungrig in der Küche nach Keksen sucht. Dort sind - wie in allen Zimmern der geräumigen Wohnung - überall kleine Medienkapseln eingerichtet, die gleichzeitig als Mikrofon, Lautsprecher und Sendeantenne Gespräche aber auch regelrechte Videokonferenzen der Familie ermöglichen, deren Mitglieder sich gerade in verschiedenen Räumen befinden und nicht zusammenkommen wollen. Mit diesen Systemen kann das Treiben in der ganzen Wohnung überwacht werden.

Der Elektronik-Konzern Philips hat in einer Ausstellung im Dachgeschoss des New Yorker Nobelkaufhauses Saks Fifth Avenue einen Haushalt der Zukunft vorgestellt. Die Geräte sollen in etwa fünf Jahren auf den Markt kommen, sagte eine Sprecherin des Unternehmens.

Wer auch innerhalb der Familie seine persönliche Privatsphäre pflegen möchte, sieht solche Entwicklungen vielleicht skeptisch. Zwar kann, wer seine Ruhe haben möchte, Geräte in seinem Zimmer ausstellen, aber er könnte mit der liebevollen Frage der anderen konfrontiert werden, was er denn zu verheimlichen habe. Die neuen Entwicklungen, die Philips vorstellt, sind technisch gesehen alle heute schon produzierbar. Doch der Konzern geht davon aus, dass die Akzeptanz für solche Produkte erst in einigen Jahren groß genug sein wird, dass sich eine Vermarktung lohnt.

Manches wäre aber wahrscheinlich schon heute begehrt. So soll eine "intelligente Küchenschürze" dem kochenden Mann oder der Frau ermöglichen, Haushaltsgeräten mündliche Anordnungen zu erteilen. Während er mit beiden Händen Basilikum pflückt, befiehlt er über ein eingebautes Mikrofon in der Schürze dem Herd, die dritte Flamme kleiner zu machen. Gleichzeitig ruft er auf einem Flachbildschirm zur Erinnerung das Rezept aus dem Internet ab, oder unterhält sich per Videokonferenz mit den Gästen, die nebenan schon einen Sherry trinken. Später serviert er das Essen auf einer Tischdecke, die gezielt nur die Teller und Schüsseln heizt, ohne die Gäste zu verletzen. Kleine Tischlampen leuchten automatisch, wenn sie auf die Decke gestellt werden.

Auch der neue Badezimmer-Spiegel ist praktisch. Während des Rasierens laufen unten die Börsenkurse aus Japan entlang, während in der Ecke klein der Nachrichtensprecher aus dem Fernsehen erscheint.

Eine gewisse Geräuschtoleranz müssen Eltern allerdings aufbringen, die ihrem künstlerisch begabten fünfjährigen Sohn ein "Mumbo" schenken. Das ist ein Plastikspielzeug, das man sich spielerisch zuwerfen kann. Kinder können aber auch mit rhythmischen Fausthieben und anderen Manipulationen musikalisches Rohmaterial aus dem Internet laden, es mit einem eigenem Groove versehen, dazu selbstgedichtete HipHop-Verse intonieren und das ganze zu einer Komposition mixen. Das Gerät hat einen Sender und ist so mit der schon erwähnten wohnungsweiten Medienanlage verbunden, damit das musikalische Ergebnis auch in den leiseren Kompositionsphasen laut genug in die anderen Räume dringt.

Mit "Mimic World" werden Bewegungen von Kindern auf künstliche Figuren übertragen, deren Bild an die Wand projiziert wird. In Verbindung mit "Mumbo" können die Kinder aufwendig wirkende virtuelle Musikvideo-Clips herstellen.

Vielleicht findet auch ein neuartiger Arztkasten für den Hausgebrauch Anwendung. Die Diagnosegeräte können mit Hilfe eines Arztes benutzt werden, der per Videoschaltung auf einem der allgegenwärtigen Bildschirme erscheint und Anweisungen gibt.

Wer altmodisch denkt, geht weiter zum Arzt. Oder schreibt Zettelchen für seine Lieben, wenn er das Haus verlässt. Philips bietet auch hier eine Alternative: Wer den kleinen "Emotion Container" öffnet, kann auf einem Bildschirm eine Video-Nachricht mit dem Bild und der Stimme des anderen empfangen. Der Gefühlscontainer verströmt auch Parfum oder Eau de Toilette. Damit die persönliche Note nicht zu kurz kommt.
© 1999

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