Welt : Eine Ballade zum Trost

Fünf Jahre danach: Schüler, Lehrer und Eltern gedenken am Erfurter Gutenberg-Gymnasium der Bluttat

Eike Kellermann[Erfurt]

Das Lied der Rockband „Die Toten Hosen“ rührte alle. „Nur zu Besuch“ heißt es. Eine Ballade über den Besuch am Grab eines Freundes. Zu diesem so unendlich traurigen Lied trugen Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums Blumen über die große Freitreppe und stellten sie neben ein G aus Sonnenblumen, dem Logo ihrer Schule. Vielen mögen die alten traumatisierenden Bilder wieder hochgekommen sein. Ein rothaariges Mädchen kam zurück in die Menge und schluchzte hemmungslos. „Man kann sich dem nicht entziehen“, sagte der Erfurter Gerd Schmalisch, dessen Tochter das Gymnasium besuchte.

Zum fünften Mal jährte sich am Donnerstag das Massaker an dem Erfurter Gymnasium. Der 19-jährige ehemalige Schüler Robert Steinhäuser erschoss an jenem Freitag zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und zum Schluss sich selbst. Steinhäuser hatte das Gymnasium besucht, ehe er der Schule verwiesen wurde. Ein halbes Jahr später beging der Sportschütze und Liebhaber von Gewaltspielen das Verbrechen. Offenkundig unbemerkt in seinen Vorbereitungen, offenkundig entwurzelt, offenkundig alleine.

„Ich bin der Meinung, dass seitdem zu wenig passiert ist“, sagte der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Im strahlenden Sonnenschein wartete er vor dem Gymnasium auf den Beginn des Gedenkens. Er wohnte als Kind gleich um die Ecke. Bis 1989 besuchte er selbst die Schule. Privatpersonen dürften keine Waffen haben, meinte Bausewein und auch bei gewalttätigen Computerspielen müsse eingegriffen werden. Aber eines ist dem jungen Oberbürgermeister klar: „Auch diese Dinge erklären nicht die Tat.“

Hauptsächlich Schüler, viele ehemalige, Lehrer, ein paar Eltern kamen gestern zu der Gedenkfeier. Einige hundert Menschen waren es. Die Anteilnahme der übrigen Erfurter blieb gering. „Verdrängen sie es vielleicht?“, fragte sich Gerd Schmalisch. Eine Frage, die auch die Berliner Autorin Ines Geipel, die ein Buch über das Massaker geschrieben hat, immer wieder stellt.

Für viele Hinterbliebene macht die öffentliche Debatte die Trauer nicht einfacher. Und dann diese Sonne. Wie ein Hohn scheint sie, wie eine Verheißung des Guten und Schönen, um die Gefühle der Trauer nur umso schärfer hervortreten zu lassen. Und doch will an diesem Vormittag, fünf Jahre nach dem eigenen Trauma und wenige Tage nach einer ähnlichen Bluttat in den USA, das Gutenberg-Gymnasium über sich hinausweisen.

Nach dem Lied der „Toten Hosen“ verharrt die Menge, „um aller Opfer von Gewalttaten zu gedenken“. Schulleiterin Christiane Alt, wiewohl entnervt vom Medienrummel, gibt ihrer Rede eine Botschaft, die nur die Medien transportieren können. Das sprachlose Entsetzen, sagte die Schulleiterin, verbinde sie mit jenen, die derzeit anderswo ihre Toten beweinten. Und die Abiturienten vor sich mahnte sie: „Werden Sie liebevolle, wachsame Eltern. Engagieren Sie sich. Helfen Sie mit, dass Kinder angstfrei eine Schule besuchen können.“

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