Welt : Eine Berliner Seele

Tim Bendzko, der Anti-Rebell aus Friedrichshain, hat Stefan Raabs Bundesvision Song Contest gewonnen

von und Rebecca Schindler
Der Ur-Berliner als Provinzialist. Tim Bendzko, der neue Star am Musikhimmel. Foto: jms@jmsphoto.de
Der Ur-Berliner als Provinzialist. Tim Bendzko, der neue Star am Musikhimmel. Foto: jms@jmsphoto.deFoto: jms@jmsphoto.de

Kurz vor Mitternacht regnet am Donnerstag goldenes Konfetti auf die Bühne der Kölner Lanxess-Arena. Ihr Ziel: die blonden Locken von Tim Bendzko. Er ist der strahlende Sieger des von Stefan Raab initiierten Bundesvision Song Contests. Dem Friedrichshainer Newcomer gelingt mit der Single „Wenn Worte meine Sprache wären“ zum dritten Mal der Gewinn für Berlin – allerdings schauten sich das deutlich weniger Zuschauer im Fernsehen an. Schalteten bei der ersten Ausgabe 2005 noch 3,22 Millionen Menschen ein, waren es diesmal nur noch 1,67 Millionen – ein Marktanteil von gerade einmal sieben Prozent für Pro7.

Die Quote trübt kaum Tim Bendzkos Ruf: Er bleibt der Überraschungsaufsteiger dieses Sommers. Ein junger Berliner, gerade mal 26 Jahre alt, der mit Engelsfrisur und entschleunigtem Pop die Musiklandschaft erobert. Die im Juni erschienene Single „Nur noch kurz die Welt retten“ rauschte bis auf Platz zwei der Charts hoch, das Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ setzte sich in den Top Ten fest, und nun hat er noch den Bundesvision Song Contest gewonnen. Wie konnte das geschehen?

Wenn man Bendzko begegnet, findet man darauf keine schlüssige Antwort. Der Sänger ist ein Schlaks, groß, schlank, sportlich, ein unbeleckter Junge, der von der Welt wenig gesehen hat – und sie auf Abstand hält. Er bewegt sich vornehmlich im Umkreis seiner Friedrichshainer Wohnung, nutzt die Stadt um ihn herum erschreckend wenig. Nationalgalerie, Berghain, Zoo – das ist eine Art weißes Rauschen für ihn. Er weiß, dass es das alles gibt. Aber muss er sich das alles angucken? Bendzko entpuppt sich damit als Urberliner: als Provinzialist in der Metropole. Seine Bedürfnisse sind pragmatisch: Erfolg haben, von der Musik leben, eine Eigentumswohnung kaufen. „Da geh ich auf Nummer sicher“, sagt er.

Dieses Bedürfnis nach einem geordneten Sein zieht sich als roter Faden durch das Leben. Er geht kaum in Clubs aus, trinkt sein Bier lieber sitzend am Bartresen als stehend auf dem Pflaster und hält schmale Jeans für unmännlich. Das ist nicht der Rebellenimpuls, der in einem Johnny Rotten schlummerte. Er zog sich anders an, um aus der Masse hervorzustechen. Bendzko will in der Masse bleiben. Auf dem Song Contest trat er in Jeans, T-Shirt und Jackett auf.

Damit trifft er den Nerv vieler Menschen. Jener, denen die Suche nach Originalität zu anstrengend ist, denen das Leben draußen zu schnell vorbeirast – und die dauergestresst in Büros, Autos und Bahnen sitzen. Er macht aus dem Gefühl der Ohnmacht ein rühriges Stück Soul-Pop. Wie heißt es in seinem Hit: „Noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel.“

So viel passiert ist im Leben des Tim Bendzko noch gar nicht. Er wurde 1985 in Berlin geboren, mit acht Jahren begann er Fußball zu spielen, so schnell flitzte er bei Blau Weiß Mahlsdorf über den Rasen, dass der 1. FC Union Berlin ihn in seine Jugendmannschaft holte. Er wechselte auf ein Sportgymnasium, entschied sich aber gegen eine Profikarriere. Sein Herz schlägt nach wie vor für den Club, er nennt ihn einen „Traditionsverein“.

Stattdessen studierte er nach dem Abitur an der Freien Universität Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen. 2009 nahm er an einem Talentwettbewerb der Söhne Mannheims teil, auf dem für jedes Bandmitglied eine Art Doppelgänger gesucht wurde. Bendzko, der schon damals diese gewinnbringende Mischung aus Frechheit, Naivität und Selbstbewusstsein besaß, empfahl sich als Xavier-Naidoo-Double und gewann.

Dass sich sein deutscher Soul an diesem Vorbild misst, kann Tim Bendzko nicht leugnen. Ihm muss man zugute halten, dass er die Kirchenlitanei Naidoos durch einen erfrischenden Lausbubenton ersetzt hat. Den Liebesschmalz hat er beibehalten. Davon lebt auch seine Bundesvision-Ballade „Wenn Worte meine Sprache wären“.

Um Worte rang der Sänger, als er am Donnerstagabend fassungslos den Pokal entgegennahm. Er schüttelte den Kopf und bedankte sich bei all den „verrückten Anrufern“, die ihn vor Flo Mega (Bremen) und Bosse feat. Anna Loos (Niedersachsen) platzierten. Warum Worte nun nicht seine Sprache sind, klärt sich möglicherweise erst nächstes Jahr, wenn der Wettbewerb wieder in Berlin stattfindet. Wie sagt Tim Bendzko im Interview: „Ich verstehe meine Songs erst nach einem halben Jahr.“

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