Welt : „Eine Fahrt in die Hölle und zurück“

Nach einem Jahr sind drei weiße US-Studenten vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden

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Der 13. März 2006 hätte für David Evans ein Tag des Triumphes sein sollen, der Tag, an dem der Student der Duke-Universität seinen Abschluss feiert. Stattdessen begann ein Alptraum. „Es war eine Fahrt in die Hölle und zurück“, sagt der heute 24-Jährige. Über ein Jahr lang drohte ihm und seinen Teamkollegen Reade Seligmann und Collin Finnerty von der Lacrosse-Mannschaft der Duke Universität im US-Bundesstaat North Carolina ein Prozess wegen Entführung und Vergewaltigung. Erst am Mittwoch setzte Staatsanwalt Roy Cooper dem Spuk ein Ende. In einer landesweit im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz verkündete er die Einstellung der Ermittlungen, die Vorwürfe seien haltlos. Dann schickte er harsche Kritik an Bezirksstaatsanwalt Mike Nifong hinterher: „Wir glauben, dass der Fall das Ergebnis eines tragisches Willens zur Verurteilung ist und der Unfähigkeit, ernsthafte Anschuldigungen zu verifizieren.“

Im Rückblick sieht es so aus, als verfingen sich die drei Angeklagten in einem Netz politischer Ambitionen, Vorurteile und unglücklicher Umstände. Nach der wilden Feier der Lacrosse-Mannschaft außerhalb des Campus hatte eine 28-jährige schwarze Frau bei der Polizei ausgesagt, drei der Spieler hätten sie vergewaltigt. Die Studenten hatten die alleinerziehende Mutter sowie eine Kollegin als Striptease-Tänzer für den Abend engagiert. Bezirksstaatsanwalt Nifong nahm sich des Falles mit Vehemenz an. Die Elite-Uni spaltete er in zwei Teile. Die einen glaubten den Beteuerungen der Angeklagten, die anderen sahen in dem Fall einen weiteren Beleg dafür, dass Sprösslinge reicher Weißer mit allem davon zu kommen glauben, zumal, wenn die Universitäten sie als gute Sportler hoffieren.

Zwar bringen Lacrosse-Mannschaften ihren Lehranstalten keine Millionen-Umsätze. Aber gut im Sport zu sein, ist für die Attraktivität einer Top-Uni in den USA unerlässlich. Das Lacrosse- Team von Duke war Nummer drei im Land, ehe die Schule die Mannschaft im Zuge des Skandals zurückzog und der Trainer seinen Hut nahm. Auch Bürgerrechtsaktivisten betrachteten Fall mit Argusaugen, hatten sie doch zu oft gesehen, dass den Worten einer mittellosen Schwarzen wenig Gewicht gegeben wird, wenn sie vor Gericht gegen privilegierte Weiße antritt. Der Bezirksstaatsanwalt wiederum sah wohl eine Gelegenheit, Stimmen für seine im Mai vergangenen Jahres anstehende Wahl zu sammeln. Tatsächlich setzte sich Nifong gegen einen bekannteren Kandidaten durch, mit vielen schwarzen Stimmen.

Doch je länger sich der Fall hinzog, desto zweifelhafter wurden die Beweise. Ein DNA-Test zeigte keine Spuren der Angeklagten, wohl aber, dass die Klägerin vor der fraglichen Nacht Geschlechtsverkehr mit mehreren anderen Männern hatte. Zudem änderte sie im Laufe der Zeit mehrfach ihre Aussage. Ihre Kollegin gab an, sich an keine Zeichen für eine Vergewaltigung zu erinnern. Nifong hielt die Ergebnisse des DNA-Tests erst unter Verschluss und beschimpfte die Angeklagten als „Hooligans“. Im Januar nahm ihm schließlich Cooper den Fall ab. Dabei blieb das Motiv für den Schritt der Anklägerin im Dunkeln. Cooper hält es nicht für ausgeschlossen, dass sie ihren wechselnden Versionen selbst glaube. Interne Gutachten zweifeln offensichtlich am psychischen Zustand der Frau.

Juristisch ist der Fall abgeschlossen, doch für viele wird er ein Nachspiel haben. Die „Washington Post“ schätzt, dass die drei Angeklagten über fünf Millionen Dollar für ihre Verteidigung ausgaben, die anderen 44 Mitglieder des Lacrosse- Teams jeweils rund 30 000 Dollar. Geld, das sie sich gerne zurück holen würden. Auf die Frage, ob er Bezirksstaatsanwalt Nifong verklage, sagte Evans Anwalt: „Alle Optionen sind auf dem Tisch.“ So oder so muss sich Nifong vor einer Disziplinarkommission wegen Unterdrückung von Beweismaterial und Ethik-Verstößen verantworten. Wird er für schuldig befunden, verliert er seine Lizenz.

Auch die Wunden in North Carolina, wo der Campus der reichen Duke-Universität in einem armen, afro-amerikanischen Viertel liegt, sind noch nicht verheilt. Irving Joyner, Rechtsprofessor an der North Carolina Central University, der den Fall für die Bürgerrechtsgruppe NAACP beobachtete, bezweifelt, dass sich die Mitglieder der schwarzen Gemeinden mit dem Ausgang zufrieden geben. Die Pressekonferenz der drei Freigesprochenen in einem Hotel hinterließ bei ihm einen faden Beigeschmack: „Mich stört diese Karneval-Atmosphäre hier, es sieht aus, als kämen diese jungen Männer von einer Siegesfeier nach Hause.“ Doch Gewinner wird es in einem Fall wie diesem nie geben.

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