Welt : Eine Flut von Ärger

Das Hochwasser trifft vor allem das niedersächsische Hitzacker – einen Deichverband hatten die Bewohner nicht zustande gebracht

Rouven Groß[Hitzacker]

Reinhard Nitsch stehen Wut und Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Knietief stehen der Mann aus Hitzacker und sein Schwiegersohn im Wasser, das langsam über die Straße fließt, an der sein Haus steht. So wie vor seinem Haus aus rotem Backstein sieht es vor fast allen Häusern in der historischen Altstadt von Hitzacker aus. Die Straßen sind zu Kanälen geworden, durch die sich eine schmutzige Brühe schiebt, immer tiefer in die Stadt hinein. „Es ist eine Katastrophe, wie man uns hier behandelt“, klagt er, und mit „man“ meint er die Verwaltung der Stadt Hitzacker. „Wir waren gerade im Rathaus, aber die haben gesagt, sie können nichts für uns tun“, ärgert sich Nitsch. Nach Pumpen hatten sie gefragt, um das Wasser aus dem Keller ihres Hauses zu kriegen, und auch nach Stegen, damit das Wasser sie nicht von der Außenwelt abschneidet. „Aber es hieß nur: Es gibt nichts mehr. Keine Pumpen, keine Stege.“

Im Rathaus hat man Verständnis für die Wut der Anwohner. „Wir konnten nicht damit rechnen, dass das Hochwasser schon so schnell kommt, und dann auch noch in dieser Höhe“, bedauert Sprecherin Marianne Baron. „Die Vorhersagen waren völlig falsch, wir haben damit gerechnet, dass das Hochwasser seinen Höhepunkt erst am 9. oder 10. April erreicht“, bedauert Baron und schüttelt den Kopf. Doch weil die Prognose des NLWKN, das ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, unzutreffend war, gibt es in der Stadt nun zu wenige Pumpen, zu wenige Stege und auch nicht genug anderes Material, um großflächigere Flutschutzmaßnahmen in Angriff zu nehmen. Doch das soll jetzt besser werden: Am Freitagmittag hat der Landrat von Lüchow-Dannenberg, Dieter Aschbrenner, den Katastrophenalarm ausgelöst. Weil immer mehr Deiche durchweichen und gesichert werden müssen und weil der Pegel immer bedrohlicher steigt, viel höher als erwartet. Nun, so hofft man in Hitzacker, werden mehr Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und vielleicht auch von der Bundeswehr kommen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Denn das sei bislang eines der größten Probleme gewesen: „Wir haben nicht genug Leute, um uns um die vielen bedrohten Stellen zu kümmern“, hieß es noch gestern aus dem Rathaus.

Über die Schwierigkeiten der Verwaltung will Erich Beich nichts hören. „Die hatten nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 vier Jahre Zeit, sich um den Hochwasserschutz zu kümmern. So weit hätt’s nicht kommen müssen“, wütet der zugezogene Rheinländer. „Aber nichts ist passiert.“ Er hatte seine Wohnung auf der „Stadtinsel“, einem von Wasser umgebenen Teil der Innenstadt von Hitzacker, gerade „für viel Geld“ renoviert – nun muss er zusehen „dass ich wenigstens meine Klamotten noch rauskriege, bevor das Wasser kommt“. Dabei hätte die Straße, in der er wohnt, einfach geschützt werden können: „Eine kleine Mauer hätte gereicht“, ärgert er sich. „Aber hier in Hitzacker lernt man ja nicht, und nun ist es zu spät.“ Viel zu spät sogar, denn das Hochwasser steigt sogar noch höher als beim Jahrhunderthochwasser 2002. Und das bedeutet auch, dass das Wasser in vielen Häusern in Hitzacker noch höher steht als damals und dass noch mehr kaputtgeht.

Nicht ärgerlich, sondern hilflos ist Günter Herrmann. Der ehemalige Hitzackeraner Stadtdirektor steht an seinem selbst gebauten Schutzwall und stapelt mit den beiden Enkeln Sandsäcke. Sein Grundstück ist samt Ferienhaus komplett überflutet. „Das Wasser ist über den Elbe-Zufluss Jeetzel und dann über einen kleinen Bach reingelaufen, jetzt steht es mehr als einen Meter hoch im Haus“, erklärt Herrmann. Schon beim Sommerhochwasser 2002 und wenig später auch beim Winterhochwasser 2003 war sein Häuschen überflutet worden. „28 000 Euro hat die Renovierung 2002 gekostet, einige Tausend nach dem Winterhochwasser“, erinnert er sich. „Und nun müssen wir wieder renovieren.“

Tagelang hatte Herrmann versucht, mit einem ersten Schutzwall sein Grundstück zu sichern – vergebens, „Der Druck war zu stark“, sagt er traurig. Nun soll eine zweiter Wall aus Holz, Folie und Sandsäcken wenigstens sein Haus vor dem Wasser schützen. „Doch wenn das Wasser so hoch kommt wie vorausgesagt, dann bringt das auch nichts mehr.“ 7,70 Meter sind die letzten Prognosen für Hitzacker. Besonders ärgert sich der ehemalige Stadtdirektor, dass das Mühlenbachtal eigentlich schon seit Jahren vor Hochwasser geschützt sein könnte. „Wir wollten einen eigenen Deichverband gründen, ein Wehr errichten, gemeinsam mit den Anwohnern hier“, erinnert sich Herrmann. Doch einige wollten nicht, und so muss er wieder zusehen, wie sein Grundstück mitsamt dem Ferienhaus versinkt. „Man steht am Ende hilflos da“, sagt er resignierend. „Wenn das mit dem Hochwasserschutz doch bloß bald losgeht, sonst haben wir das Wasser jedes Jahr im Haus.“

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