Welt : Eine Formel für den Weltrekord

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Von Bas Kast

Für den Sport ist der 16. Juli 1999 ein besonderes Datum. An diesem Tag wurde Maurice Greene („Das Phänomen“) zum schnellsten Mann der Welt. Auf dem Grand-Prix-Festival in Athen schaffte der Amerikaner aus Kansas die 100 Meter in nur 9,79 Sekunden. Eine Weltsensation!, jubelten die Fans.

Alles nur Zufall, sagt nun ein Forscherteam im Fachblatt „Nature“. Der Physiker Daniel Gembris vom Forschungszentrum Jülich und seine Kollegen haben herausgefunden, dass die meisten Rekorde im Sport nicht etwa auf eine Verbesserung von Mensch und Material zurückzuführen sind – sondern auf den Zufall.

Dazu wertete das Team die Bestleistungen der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften zwischen 1973 und 1984 aus; 22 Disziplinen wurden berücksichtigt. Dann berechneten die Physiker mit Hilfe einer neuen Wahrscheinlichkeitsformel, welche Rekorde man zwischen 1985 und 1996 bei den Deutschen Meisterschaften erwarten dürfte. „Es zeigte sich, dass wir fast alle Rekorde allein auf Grund des Zufalls vorhersagen konnten“, sagte Gembris dem Tagesspiegel.

Bei vier Disziplinen allerdings versagte die Formel: Beim Stabhochsprung, bei dem 110-Meter-Hürdenlauf sowie beim 20- und 50-Kilometer-Gehen übertrafen die tatsächlichen Rekorde den statistisch vorhergesagten Wert haushoch.

Der Zufall – das ist einerseits das Wetter, Wärme, Kälte, Gegen- oder Rückenwind. Höchstleistungen können aber auch schlicht dadurch zu Stande kommen, weil sich immer mehr Sportler beteiligen. Der neue Rekord ist dann nicht mehr unbedingt auf eine systematische Verbesserung der Disziplin zurückzuführen – er wird eine Sache der Wahrscheinlichkeit. „Während es in den 50er und 60er Jahren einen echten Leistungsfortschritt gab, wird die Rolle des Zufalls im Sport immer größer“, sagt Gembris.

Wie aber lassen sich die vier Ausnahmen erklären, bei denen es zu einem echten Fortschritt kam? „Beim Stabhochsprung wechselte man Anfang der 60er Jahre vom Stab aus Stahl zum Fiberglas-Stab“, sagt der Sportwissenschaftler Günter Tidow von der Humboldt-Universität in Berlin. Das zog eine Leistungsverbesserung nach sich, die über jeden Zufallseffekt hinausgeht. Nur was die anderen Disziplinen betrifft, tappen die Denker im Dunkeln. Warum ging es beim 110-Meter-, nicht aber beim 400-Meter-Hürdenlauf so stark voran? „Ich kann mir das nicht erklären“, kapituliert Experte Tidow.

Vielleicht gibt es noch Sportarten, die sich einfach nicht auf eine Formel bringen lassen.

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