Welt : Eine Frage der Ehe

Stephen Hawking muss oft in die Klinik – wegen Gewaltverletzungen. Misshandelt ihn seine Frau?

Matthias Thibaut[London]

Wird Professor Stephen Hawking von seiner Frau misshandelt? Die Polizei in Cambridge will der Sache diese Woche auf den Grund gehen und den Mann selbst befragen. Im Verdacht, den 62-Jährigen zu quälen und zu misshandeln, steht nun dessen zweite Frau, die 53-jährige Elaine Hawking. Auch sie soll verhört werden. Daran wird auch die von Professor Hawking am Wochenende veröffentliche Ehrenerklärung für die Ehefrau nichts ändern. Die Polizei ist schon deshalb zum Handeln gezwungen, weil Hawkings erste Frau Jane, die Mutter seiner drei Kinder, die Gerichte einschalten will: Sie will Berichten zufolge Hawking unter besonderen Schutz stellen lassen. „Es ist ein Problem, dass schon lange so geht", wird Hawkings jüngster Sohn Tim (24) von der „Sunday Times" zitiert.

Er nimmt sie in Schutz

Hawking leidet unter der degenerativen Nervenkrankheit ALS, einer Form der multiplen Sklerose, die ihn seit 30 Jahren zum hilflosen Bündel im Rollstuhl macht. Die Krankheit hätte ihn nach den Regeln der Schulmedizin schon vor Jahren ins Grab bringen müssen. Nun ließ Hawking, der zurzeit mit einem Lungeninfekt im Addenbrooke Krankenhaus von Cambridge liegt, Zeitungsberichte über Attacken und Misshandlungen „nachdrücklichst und aus vollem Herzen" dementieren. „Diese Berichte sind falsch und ich bin zutiefst enttäuscht, dass diese persönliche und unrichtige Information in Umlauf ist. Meine Frau und ich lieben uns sehr und nur ihr habe ich es zu verdanken, dass ich noch am Leben bin. Ich bitte die Medien, meine Privatsphäre zu respektieren."

Doch dafür ist es zu spät. Der Ehezwist im Hause Hawking macht weltweit Schlagzeilen. Die Öffentlichkeit war immer schon neugierig auf das häusliche Schicksal des Lehrstuhlnachfolgers von Isaac Newton. Hawking selbst speist die Neugier mit Berichten und Fotos auf seiner Homepage hawking.org.uk. Der Beststellerautor von „Eine kurze Geschichte der Zeit" und „Das Universum in der Nussschale", der in 30 Sprachen übersetzt wird und mit Rollstuhl und Sprachcomputer Fachkongresse in aller Welt besucht, hat nachgerade mythischen Status. Den einen ist er ein brillantes Superhirn, das sich über die Grenzen eines hilflosen Körpers hinausgeschwungen hat. Andere bespötteln den Astrophysiker mit seinen Auftritten bei den „Simpsons" und in „Star Trek" und seinen im Fernsehen übertragenen Ballonfahrten als Showman: Hawkings wissenschaftlicher Ruhm sei wohl nicht mehr durch ausschließlich wissenschaftliche Gründe erklärbar, meinen Kollegen wie der Huller Professor Jeremy Dunning-Davies sarkastisch.

Ins Rollen kam der Stein vor vier Monaten, als eine Pflegerin Anzeige erstattete. Der Professor habe einen Hitzschlag erlitten, weil man ihn bei sengender Sonne stundenlang hilflos im Rollstuhl in seinem Garten habe stehen lassen. Unklar blieb, warum Hawking sich nicht mit seinem „Pride Mobility Quantum Jazzy 1400", dem „Ferrari der Rollstühle", in den Schatten bewegte. Die Anzeige wurde dann zurückgezogen. Doch dann packten Pflegerinnen aus – unter anderem im „Daily Mirror": Sie habe gesehen, wie Frau Elaine, 53, auf den Professor losgegangen sei, berichtete eine Krankenschwester. Nach dem Rasieren habe er eine 10 cm lange Wunde im Gesicht gehabt.

Schnitte und Prellungen

Im Addenbrooke Krankenhaus werde Hawking den Berichten zufolge fast regelmäßig wegen Schnitten und Prellungen behandelt. Einmal sei er mit gebrochenem Arm und Handgelenk eingeliefert worden. Die Polizei seufzt. „Bei häuslicher Gewalt sind Ermittungen schwer, wenn die Opfer der Attacken die Aussage verweigern." Schon vor vier Jahren wurde eine ähnliche Untersuchung mangels Kooperation von Hawking eingestellt.

Hawkings geschiedene Frau Jane stellt sich schützend vor den Wissenschaftler und schürte damit die öffentliche Neugier erst recht. „Er ist ein ganz besonderer, aber ein verwundbarer Mann", sagte sie. Doch sie selbst hatte nach ihrer Scheidung andere Einblicke in das Leben mit dem Genie gegeben.

Auf 601 Seiten beschreibt sie in dem Buch „Music to Move the Stars“ den „allmächtigen Kaiser und Puppenmeister" als einen grausamen und berechnenden Rollstuhltyrannen. „Es wurde immer schwieriger, sogar unnatürlich, Verlangen nach jemand zu fühlen, der den Körper eines Holocaustopfers und die unbestreitbaren Bedürfnisse eines Säuglings hat." Immer mehr wurde ihr Leben mit Hawking zu einem Gefängnis. Hätte sie ihren Mann verlassen, schreibt sie, hätte „die ganze Welt Kohlenfeuer auf mein Haupt gehäuft". Es war, wie damals berichtet wurde, Hawking, der Jane 1995 verließ, um seine damalige Pflegerin Elaine zu heiraten.

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