Welt : Eine Grenzerfahrung vor den Augen der Welt

Thomas Lackmann

Seine Reise führte Johannes Paul II. an den Fuß des Berges SinaiThomas Lackmann

Am Anfang gab er sich fit wie ein Turnschuh, obwohl "Heiliger Turnvater" nicht seine Anrede war. Er erholte sich beim Bergsteigen und erwog gar, wieder Ski zu fahren, was ihm früher, als er ein Bischof wie viele sein durfte, gut gefallen hatte. Er hatte seinen Körper und, so meinte man, das Publikum im Griff. Er war, suggerierte sein Auftritt den Menschen, einer von ihnen, einer wie sie. Bei Massenaudienzen ließ er sich zu witzigen Posen hinreißen, die auf Postkarten weltweit verbreitet wurden. Er bewegte sich nicht innerhalb höfischer Zeremonien, sondern wie er wollte, jettete in alle Himmelsrichtungen. Er überlebte ein Attentat und reduzierte in der Folge die amtliche Mobilität kaum; nur das Bad in der Menge schränkte er ein zu Gunsten von Sicherheitsmaßnahmen, zu denen die Verschanzung im Papamobil gehörte, der mobilen Plattform seiner leibhaftigen Bewegung unter den Menschen. In jedem Land des Erdballs, das er erstmals betrat, beugte er sich tief hinab zum Bodenkuss: eine archaische Geste der Demut und der physischen Zuwendung, die - unabhängig von Religion und Bildungsgrad - jeder Zuschauer hätte verstehen können und mit der er sich doch den Spott professioneller Beobachter zuzog. Der große Kommunikator entkam dem Missverständnis, das er produziert hatte, nicht mehr. Man analysierte ihn als strategischen Medienkasper, wie andere Stars und Politiker: wie einen, der die Kunst des als ob perfekt ausübt. Oder gibt es einen Unterschied zwischen Symbolik und Propaganda?

Politiker müssen stark und gesund sein. Sie springen mit Fallschirmen oder durchschwimmen Flüsse im Greisenalter. Wenn sie im Rollstuhl sitzen, dürfen sie sich das jedenfalls nicht anmerken lassen. Wenn sie dick sind, müssen sie stolz drauf sein. Wenn sie klein sind, müssen sie das durch elegante Kostüme kaschieren. Was zählt, ist nicht ihre reale Physis, sondern die Kunst ihrer Inszenierung. Sie kämpfen ja nicht leibhaftig auf dem Schlachtfeld oder im Duell, eigentlich bedeutet ihr Körper nichts. Ihr Forum ist die Presse, die elektronische Manege, ihre Waffen sind das Statement und ihr Image.

Ende einer permanenten Dienstfahrt

Der Papst dagegen ist ein absoluter Monarch, ohne abspaltbare Privatsphäre. Sein Körper bedeutet etwas. Wenn er alle Jubeljahre mit einem Hämmerchen gegen eine verschlossene Pforte schlägt, ist das keine Propaganda, sondern Liturgie: körperliche Darstellung des Glaubens. Aus der Spannung zwischen dem Super-Amt des geistlichen Weltherrschers und der sterblichen Amtsträger-Figur hatte einst das Mittelalter sogar eine Theologie der Hinfälligkeit und Rituale entwickelt, welche dem Stellvertreter des Petrus die eigene Begrenzung drastisch demonstrieren sollten. Auf dem Hintergrund solcher Tradition nahm sich seinerzeit die umtriebige Choreografie des amtsfrischen Wojtila-Papstes sehr unbekümmert aus. Noch seine Vorgänger im letzten Drittel des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hatten sich jahrzehntelang geweigert, den Vatikan überhaupt zu verlassen - eine Art Sitzstreik gegen den Verlust des alten Kirchenstaates. Als sich Ende der 1950er Jahre jener Johannes XXIII. , der durch ein Konzil die "Fenster der Kirche" öffnen wollte, dann doch aus dem Zwergstaat herausbewegte und zum Beispiel ein Gefängnis in Rom besuchte, war das geradezu eine Sensation an Mobilität. Sein Nachfolger Paul VI. erweiterte den Radius der Ausflüge: Er besuchte, ein Mal jeweils, alle fünf Kontinente - ein Programm der symbolischen Präsenz, das Johannes Paul II. schließlich zur permanenten Dienstreise steigerte. Diese leibhaftige, im elektronischen Zeitalter eher anachronistisch anmutende Omnipräsenz symbolisierte sein Selbstverständnis als universaler Hirte. Dass der Regent eines spirituellen Reiches höchstpersönlich vollzogenen Stippvisiten derartige Bedeutung beimisst, ist rational gleichwohl kaum erklärbar. Symbole sind Glaubenssache.

Derzeit gelangt diese von Kritikern als manisch belächelte Reisetätigkeit des Johannes Paul II. an ihr dramaturgisches und physisches Ende. Zur Erde Ägyptens konnte er sich nicht mehr küssend herabbeugen, sie wurde ihm heraufgereicht. Zur Spitze des Berges Sinai konnte der Kranke nicht einmal hinaufschauen, geschweige denn die vielen Stufen hinaufsteigen. So exerzierte er eine persönliche physische Grenzerfahrung vor den Augen der Welt: Hier geht einer auf seinem Weg, den er für seine Sendung hält, über die vernünftigen Möglichkeiten hinaus.

Die Schwäche des pontifikalen Körpers

Zudem hat der alte Mann während seines Ägypten-Besuches auch eine theologische Grenzerfahrung artikuliert. Indem er zum zweiten Mal die Suche nach einer ökumenischen Neudefinition des Petrusamtes ankündigte, musste ihm klar sein, dass er selbst den Durchbruch in dieser, der zentralen Primatsfrage, nicht mehr wird gestalten können; dass ihm, dem polnischen Katholiken, die Lösung dieses gordischen Knotens nicht gegeben war. Die Ägyptenreise aber, seine 90. , hat der Pontifex Maximus - der "oberste Brückenbauer", wie sein vom römischen Cäsar ererbter Priestertitel lautet - selbst gemacht. Offenbar vermag kein synodaler chatroom, keine Konferenzschaltung, keine Film- oder Bildbandbesichtigung den Realkontakt seines gebrechlichen Körpers mit dem "authentischen Ort" der Heilsgeschichte und mit den Gläubigen, die dort leben, zu ersetzen. Sollte dem Papst auch die geplante Anschlusspilgerfahrt nach Israel gelingen, und gar noch jene dritte (bislang diplomatisch abgeblockte) Fahrt in den Irak, zur Heimat Abrahams, des Patriarchen der drei monotheistischen Religionen, dann werden es weniger seine Worte sein, die als Signal in Erinnerung bleiben, sondern dass er erstmals, überhaupt und trotzdem da gewesen ist, in der (kirchen)politisch umstrittenen Region, an dem "historischen", mit spiritueller Überlieferung aufgeladenen Ort.

Wie der säkulare Graffitikünstler den Stadtlandschaften eigene Lebensbeweise einsprüht, so hinterlässt dieser römische Bischof in seinem 79. Lebensjahr die persönlich-amtliche Pilgerfährte als leibhaftiges Vermächtnis: Wojtila was here. Dass gerade dieser Papst, den nicht nur Feministinnen und Homosexuelle auf Grund seiner rigiden Sexualmoral verachten lernten, die Schwäche des eigenen Körpers in eine zittrige Millenniums-Liturgie der Weltumarmung einbringt, wirkt als trotziges Passionsfanal: gegen die virtuelle Weltkultur, gegen das Posieren im showroom der Uneigentlichkeit. Hier macht einer, der fast nichts mehr im Griff hat, im Angesicht des Todes symbolische Politik mit dem eigenen Körper. Das lädierte Symbol verweist auf die andere Dimension. An der Figur des Moses, der auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln empfangen haben soll, später aber, nach Jahrzehnten der Wüstenwanderung, das Gelobte Land nicht mehr selbst betreten, geschweige denn küssen, sondern nur vom Grenzberg aus erschauen durfte, werden Hagiografen Wojtilas Lebenswerk messen.

Sehnsucht nach dem Authentischen

In der Arena der globalen Kommunikation dagegen erscheint sein Kraftakt wie die Starrsinnstat eines Parkinson-Patienten, der als Privatmann längst auf einer Pflegestation verwahrt würde. Gleichzeitig antwortet das Bild dieses tattrigen Pilgers, der unbeirrt zu Ende führt, was ihm wichtig ist, auf ein Bedürfnis der Infotainment-Konsumenten, für das im Studio der geliehenen Leidenschaften keine Formate existieren: die Sehnsucht nach dem unerreichbar Authentischen.

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