Welt : Eine große Weltmusik

Demonstranten und Künstler vereint gegen Armut und Hunger in Afrika

Matthias Thibaut[London]

Papst Benedikt XVI. ist auch eingeladen. Anführen wird die große „Macht Armut zur Geschichte“-Demo am Samstag in Edinburgh Großbritanniens oberster Katholik, Kardinal Cormac Murphy-O’Connor. Der Kirchenführer hat sich selbst überrascht: Demonstrieren sei eigentlich nicht seine Sache, sagte er der BBC.

Eine Million Menschen hat der Rockstar Bob Geldof nach Edinburgh beordert – zum Auftakt der Woche weltweiter Protestaktionen, mit denen ans Gewissen der Politiker auf dem G-8-Gipfel in Schottland appelliert werden soll. Schuldentilgung, Verdoppelung der Hilfen und bessere Handelsgesetze sollen die Armut in Afrika beenden. Neben dem Kardinal wird der britische Entwicklungshilfeminister Hilary Benn marschieren – und sich sozusagen selbst unter Druck setzen. Schüler hat Geldof aufgefordert, die Schule zu schwänzen und in Edinburgh zu demonstrieren. Die schottischen Stadtväter dort sind schon in heller Aufregung. „Wir haben keine Ahnung, wie viele kommen“, sagte eine Sprecherin.

Heute beginnen die Aktionen mit dem „White Band Day“: In aller Welt werden Gebäude – auch das Brandenburger Tor – mit dem weißen Plastikarmband geschmückt, das Symbol des Protestes für Afrika geworden ist. Mehr als 3,5 Millionen Menschen tragen den Reif, den sich die Werbeagentur Abbott Mead Vickers ausdachte, zusammen mit dem Slogan „Make Poverty History“ und dem Werbeclip, in dem alle drei Sekunden ein Prominenter mit den Fingern schnipst. So oft stirbt ein Mensch in Afrika durch Armut.

Hollywoodstars und Politiker, junge Celebrities und alternde Pop-Musiker tragen diese Woche Armband und haben sich dem Kampf gegen die Weltarmut angeschlossen. Sie wollen den Globus aus den Angeln heben: „Die G-8-Führer haben die Macht, die Geschichte zu ändern. Aber sie machen es nur, wenn Millionen von Menschen ihnen zeigen, dass es nun reicht mit der Armut“, verspricht Geldof.

Wie man „Sankt Bob“ kennt, wird er am Samstag nicht nur im Hyde Park in London beim „Live 8“-Konzert auf der Bühne stehen, sondern auch in Edinburgh ein paar feurige Worte finden. So wie letzte Woche beim Glastonbury-Festival: „Armut ist obszön“, rief er da und forderte alle auf, sich an den Händen zu fassen und gemeinsam zu rufen: „Macht die Armut zur Geschichte!“ Kardinal Murphy- O’Connor war von der Generalprobe beeindruckt, das werde „die größte Sozialbewegung seit Abschaffung der Sklaverei.“

Vor 20 Jahren hatten die Coldstream Guards der Queen im Londoner Wembley-Stadion das erste „Live Aid“-Konzert eröffnet, ihnen folgten damals Status Quo mit „Rockin’ all over the world“. Prinzessin Diana und Charles waren gekommen. Freddy Mercury und Queen spielten, David Bowie und Elton John. Phil Collins düste nach dem Auftritt per Hubschrauber und Concorde noch nach Philadelphia zum amerikanischen Teil von „Live Aid“. Zwischendurch beschwor Punker Geldof 1,5 Milliarden Fernsehzuschauer rund um den Globus: „Give your fucking money!“ 140 Millionen Dollar sollen in jener Woche gegen den Hunger in Äthiopien gespendet worden sein.

Diesmal soll alles noch größer und globaler werden: Ein neuntes „Live 8“-Konzert neben Berlin, London, Paris, Rom, Philadelphia, Toronto, Tokio und Johannesburg wurde jetzt auch noch für Moskau angekündigt. Mit mehr Zuschauern als bei der Eröffnung der Olympiade in Athen, bei der 3,9 Milliarden eingeschaltet hatten, wird „die größte TV-Übertragung der Geschichte“ erwartet. 250000 Menschen drängen allein in den Londoner Hydepark, wo Madonna, Coldplay, Paul McCartney, REM, Snoop Dogg und natürlich wieder Elton John auftreten.

Aber diesmal geht es nicht um Geld. Nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit, um Bewusstein und um politischen Druck: „Wir wollen nicht euer Geld, wir wollen euch“, erklärte Bob Geldof in Berlin – es geht ihm um die Masse. Bis zum 6. Juli sollen die Proteste gehen. Auf einem „Marsch zur Gerechtigkeit“ kommen Künstler und Demonstranten aus aller Welt dann nach Edinburgh zum „50000 Final Push“-Konzert – täglich sterben 50000 Menschen durch Armut. Eine Delegation um Geldof will dann auch ins idyllische Golfhotel Gleneagles, wo hinter einem acht Kilometer langen Ring aus Metallzäunen der Gipfel stattfindet.

Nicht alle finden das Spektakel gut: Noel Gallagher von Oasis höhnt: „Glaubt er wirklich, dass die G-8-Guys, nur wenn Annie Lennox ,Sweet Dreams’ singt, denken: ,Fuck me, sie haben recht’?“ Afrikas Probleme, warnt Tony Blairs Wissenschaftsberater Sir David King, könne man nicht einfach durch Geld lösen.

79 Prozent der Briten glauben, Korruption und Inkompetenz seien Schuld an Afrikas Problemen. Vielen ist die Symbiose von Politik und Pop supekt: Bob Geldof geht bei Premier Blair in Downing Street 10 ein und aus – wer nützt da wem?

Anarchisten, die in Edinburgh ihr eigenes Programm planen, sprechen spöttisch von der „ersten in einen G-8-Gipfel integrierten Protestbewegung“. Geldof hat die „Live 8“-Superstars ermahnt, nichts Schlechtes über George Bush zu sagen. Das, glaubt er, wäre nicht hilfreich.

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