Welt : "Eine Gruselgeschichte nach der anderen"

WOLFGANG DRECHSLER

Vor Namibia fliegen Piloten meist "auf Sicht" / Trümmer der US-Maschine gefunden / Rühe weist Kritik zurückVON WOLFGANG DRECHSLER KAPSTADT.Vor Namibia haben am Dienstag Suchmannschaften aus mehreren Staaten weitere Wrackteile der abgestürzten Tupolew der Bundeswehr sowie des US-Transportflugzeugs gefunden.Bereits am Montag abend war die Leiche einer Frau geborgen worden. Piloten und Fluglotsen in Deutschland und in Südafrika haben am Dienstag als Hauptursache für die mutmaßliche Kollision der Tupolew mit einem US-Transportflugzeug vor Angola einen chaotischen Zustand der Luftüberwachung in Afrika genannt.Die Kommunikation zwischen Lotsen und Piloten sei unter anderem auch in Angola häufig "extrem schwierig".Der Präsident der südafrikanischen Pilotenvereinigung Fanie Coetzee sagte: "Nach dem Verlassen Botswanas in nördlicher Richtung gibt es praktisch keinen Funkkontakt zum Boden bis Flugzeuge die Nordspitze des Kontinents bei Algier erreicht haben." Bestätigt wurde diese Einschätzung von Kieran Daly vom Flugmagazin "Air Navigation International"."Wir hören eine Gruselgeschichte nach der anderen", sagte Daly.Eine davon wurde erst kürzlich in einem südafrikanischen Flugmagazin veröffentlicht: Demnach waren zur Mitte des letzten Jahres gleich drei Flugzeuge mit Höchstgeschwindigkeiten nur wenige hundert Meter aneinander vorbeigerast.Allerdings wurde nicht ausgeschlossen, daß die beiden zusammengestoßenen Flugzeuge nicht der in Afrika gängigen Übermittlungsprozedur gefolgt sind.Dabei machen Piloten vor und nach dem Einflug in schlecht gesicherten Luftraum regelmäßige Ansagen, um andere Flugzeuge über ihre Position zu unterrichten.Zudem wurde gefragt, weshalb die mit hochkomplizierter Aufklärungselektronik ausgestattete Tupolew kein Kollisionswarnsystem an Bord hatte und kein Radar besaß. Verteidigungsminister Rühe wies Kritik an der technischen Ausstattung der Tupolew zurück.Kein Militärflugzeug verfüge über ein Anti-Kollisionsystem, sagte Rühe.Auf der ganzen Welt seien Hunderte Maschinen vom gleichen Typ - militärische und zivile - ohne dieses System unterwegs.Bei der Flugbereitschaft der Bundeswehr gebe es in dieser Hinsicht keine Defizite.Die Airbusse der Flugbereitschaft seien bereits mit einem Anti-Kollisionssystem ausgerüstet, die Challenger werde derzeit umgerüstet. Der Vorwurf, daß die deutsche Crew keinen Flugplan vorlegte und erst eine Woche vor ihrem Abflug aus Köln in Windhuk um eine Landeerlaubnis nachfragte, ist von der Hardthöhe inzwischen als unzutreffend zurückgewiesen worden. Cockpit fordert Nachrüstung -HAMBURG (dpa).Die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit hat eine Nachrüstung der Flugzeuge gefordert.Angesichts des immer enger und gefährlicher werdenden Luftraumes über Afrika müßten die dort verkehrenden Maschinen mit einem Kollisionswarnsystem ausgestattet werden, forderte der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Ptaszynski, am Dienstag im ARD-Morgenmagazin.Dieses System sei in Europa jedoch noch nicht verbindlich vorgeschrieben. Die Piloten, die ständig über Afrika flögen, seien im Grunde auf sich selbst gestellt, sagte Ptaszynski."Als weitere Hilfe gibt es eine Bord zu Bord-Frequenz, auf der Positionsmeldungen abgesetzt werden", erklärte der Sprecher.Im Grunde werde auf Sicht geflogen.Ptaszynski bewertete den afrikanischen Luftraum als sehr gefährlich."Wir haben bei etwa 75 Prozent des Luftraums keine Kontrollfunktion, keine Radarüberwachung und keine Flugkontrollzentren.Das ist das eigentliche Problem." Touristen sollten sich im Augenblick jedoch noch keine Sorgen machen."Ich glaube nicht, daß wir da Panik verbreiten müssen", sagte der Sprecher. Cockpit-Sprecher Fongern sagte, nach seiner Kenntnis seien beispielsweise die Flotten von Condor und LTU komplett mit den bis zu 300 000 Mark teuren Kollisionswarngeräten bestückt.Auch Hapag-Lloyd hat nach Angaben einer Sprecherin alle Maschinen mit dem Warnsystem ausgerüstet.Bei der Lufthansa sind nach Angaben einer Sprecherin 62 Prozent der Passagiermaschinen mit Kollisionswarngeräten ausgerüstet.

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