Welt : Eine haarige Angelegenheit

Tanja Stelzer

Rudi Völler färbt nicht, Clinton nicht, der Kanzler nicht - behauptet er jedenfalls, und was anderes dürfen wir auch nicht schreiben. Wir sind darüber ein bisschen beleidigt, weil Kollegen das schon vor langer Zeit ungestraft tun durften, als Schröder das Haarefärben vermutlich viel weniger nötig hatte als heute - im letzten Wahlkampf war viel die Rede von Schröders gefärbten Haaren. Auch durfte Ulrike Posche den "Stern"-Lesern verraten, dass Hiltrud ihrem Gerhard vor einem Fototermin die Blondiercreme mit der Zahnbürste in die Brauen gerieben hatte - da hatte er sich in der Farbe vergriffen und sah aus wie Theo Waigel, ausgerechnet. Hillu sagte auch, sie habe sich mit Gerhard mehr als einmal über der Frage in den Haaren - jaja, den Haaren - gelegen, ob es erstrebenswert sei, ewig zu leben. Er habe unsterblich sein wollen.

Schröder will politisch überleben, und er will nicht so alt aussehen wie Stoiber. Deshalb verhandelt am Freitag ein Hamburger Gericht darüber, ob die Nachrichtenagentur ddp verbreiten darf, der Kanzler lasse sich die Haare färben. Bei dem Verfahren geht es allerdings gar nicht um die Frage, ob die Farbe nun echt ist oder nicht (sie ist es, haben die Friseure Udo Walz, Berlin, und Stephan Krause, Hannover, eidesstattlich versichert). Das Gericht hat lediglich zu entscheiden, ob eine falsche Behauptung verbreitet werden darf. Die Frage, glaubt Schröders Anwalt Michael Nesselhauf, dürfte einfach zu beantworten sein - das Gericht hat eine Verhandlungsdauer von zehn Minuten anberaumt.

Warum klagt der Kanzler?

Wäre da nicht der Prozess, wahrscheinlich hätten wir den von ddp zitierten wohlmeinenden Ratschlag der Imageberaterin Sabine Schwind von Egelstein, der Kanzler möge sich die Schläfen nicht mehr färben, wohl schon längst vergessen. Warum macht der Kanzler das nur, mit dieser Klage? Hat der nichts Besseres zu tun? Hat ihn das Zitat des CDU-Abgeordneten Karl-Josef Laumann so sehr geärgert, der sagt, ein Bundeskanzler, der sich die Haare färbe, frisiere auch jede Statistik? Hat ihm der als "echt" verkaufte Stoiber schon so zugesetzt?

Vielleicht weiß Schröder einfach, dass man sich die Haare heute nicht mehr färbt. Färben ist total peinlich. Das sagt zum Beispiel der PR-Mann Moritz Hunzinger. Aber weil er PR-Mann ist, sagt er das natürlich nicht so, sondern: "Der Wunsch nach Jeunesse ist so tot wie die New Economy. Die Renaissance der Authentizität ist ein Modegesetz, das lange anhalten wird." Das ist prima, denn jetzt, wo man nicht mehr perfekt sein muss, darf man auch wieder mal was essen und ein bisschen dick werden, Hauptsache, man bleibt man selbst.

Laumann zum Beispiel ist ein superauthentischer Mann. Über den sagt Hunzinger, 43: "Der ist so alt wie ich und sieht aus, als wäre er Großvater. Aber der darf so sein; so mögen ihn die Leute." Franz Müntefering färbt sich die Haare nicht mehr, Michael Glos und Erwin Teufel nicht, und auch Michel Friedman sieht in letzter Zeit ein bisschen grau aus. Färben, das darf nur noch Heidemarie Wieczorek-Zeul; sonst würden wir die ja gar nicht mehr erkennen.

Michael Spreng, der Stoiber im Wahlkampf noch authentischer machen soll, sagt, er versteht die ganze Debatte nicht. Kommt ja nicht drauf an, was drauf ist, auf dem Kopf, sondern was drin ist. Bei so viel Liebe zum Echten fragen wir uns kurz, wie authentisch eigentlich der neue Busen von Michelle ist und der von Pamela Anderson und ob die beiden nun bald arbeitslos sind.

Mitten in diesen Gedanken flattert uns eine Einladung der Initiative Pro Haar. Event im Hamburger Stilwerk mit Uwe Ochsenknecht und "einem weiteren deutschen Prominenten". Sie reden über Haare und darüber, "wie Männer mit einem Tabuthema umgehen". Was hat Gerhard Schröder eigentlich am 25. April vor?

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