Welt : Eine Hochzeit auf dem Lande

In Windsor hat der britische Thronfolger nach 35 Jahren seine Geliebte geheiratet – einfach und unaufgeregt

Matthias Thibaut[London]

Etwas unsicher, erleichtert, mit einem zaghaften Lächeln trat die Herzogin von Cornwall gestern aus der St. George Chapel von Schloss Windsor in den Sonnenschein. Die 57-jährige, in dezentes Porzellanblau elegant gekleidet, nahm die Menschenmenge in Augenschein, die ihr zu Füßen im Schlosshof wartete. Vermutlich war Camilla Parker Bowles, wie sie hieß, bevor sie gestern Mittag auf dem Standesamt von Windsor den britischen Thronfolger Charles, Prince of Wales, heiratete, selbst erstaunt. 1970 hatte sie ihn bei einem Polospiel getroffen und eine Affäre mit ihm begonnen. Nach fast ununterbrochenen 35 Jahren als Geliebte des Thronfolgers nimmt sie nun den zweiten Platz unter den Frauen der britischen Royals ein. Gleich hinter der Königin.

„Geben Sie ihr einen Kuss, wenigstens einen, Sir“ riefen die Paparazzi Prinz Charles zu, der neben ihr stand – entspannter, als man ihn lange sehen konnte. Aber dann kam die Queen hinter den beiden die Treppen hinunter und für Frivolitäten war kein Platz mehr. Vermutlich hatte Charles die „Sun“ gesehen: „Bitte auf die Lippen“, hatte das Blatt gefordert. Das hat die Öffentlichkeit noch nie gesehen.

Die Queen, im elfenbeinfarbenen Kostüm, sah kurz in die Menge und beließ es bei dem würdigen, aber ausdruckslosen Blick, mit dem sie schon die Hochzeitszeremonie verfolgte. Für Camilla hatte sie keinen Blick. Kein Wort auf der Kirchentreppe, keine Hand. Die Fotografen mussten hart arbeiten, um Braut und Schwiegermutter überhaupt zusammen aufs Bild zu bekommen. Dann fuhr die Queen eilends zurück ins Schloss. Zwischen Gottesdienst und Stehempfang für die Hochzeitsgäste blieb gerade noch Zeit für einen Blick aufs „Grand National“: Das Pferderennen dürfte für sie, wie für viele Briten, die größere TV-Attraktion gewesen sein.

Die frischgebackene Herzogin aber, die den Titel „Princess of Wales“ lieber der Märchenprinzessin Diana überlässt, erfüllte zum erstenmal die königliche Pflicht eines „Walkabouts“: Camilla und Charles gingen zu den Schaulustigen und schüttelten Hände. Noch weiß sie nicht so recht, wie sie den Blumenstrauß am besten halten soll. „Aber sie wird sich als absolut professionelle Royal erweisen. Sie ist so natürlich, so warmherzig, sie wird die Herzen der Briten schnell gewinnen“, prophezeite Charles-Biografin Penny Junor.

Zum erstenmal konnten die Briten gestern die Frau aus der Nähe betrachten, die von Prinzessin Diana als Rottweiler bezeichnet wurde und die in der Berichterstattung meist Objekt offener Feindseligkeit war. Nun sahen sie live im Fernsehen, was für ein fürsorglicher Ehemann Charles ist: Er hakte Camilla unter, führte sie aufs Standesamt, dann zum Altar der Schlosskapelle. Er zeigte ihr, wo sie den Strauß ablegen konnte und blätterte ihr die richtige Stelle in der Liturgie auf, als es ans Ehegelübde ging. Dann führte er mit kräftiger Stimme das Gebet an: „Mögen wir in Liebe und Frieden wachsen alle Tage unseres Lebens, durch Jesus Christus. Amen.“ Wer nicht genau hinhörte, konnte es für eine festliche Kirchenhochzeit halten. Dabei hatte der eigentliche Hochzeitsakt zwei Stunden zuvor auf dem Standesamt von Windsor stattgefunden. Kein Vergleich mit der „Hochzeit des Jahrhunderts“ vom Juni 1981; damals gaben sich Charles und Prinzessin Diana in der St. Pauls Kathedrale das Ja-Wort – und 600000 Londoner säumten die Straßen, als die goldene Hochzeitskutsche durch die Hauptstadt zog.

Diesmal säumten 15000 Royalisten die Hauptstraße von Windsor. Der Absatz der Souvenirs wurde nur angeheizt, weil die Hochzeit wegen der Beerdigung des Papstes verschoben werden musste und Tassen mit dem falschen Hochzeitsdatum begehrte Sammlerstücke wurden.

Statt der Kutsche hatte die Queen ihren burgunderroten Phantom VI Rolls Royce ausgeliehen – ein Zeichen des Wohlwollens. Die Queen unterstütze die Hochzeit, behauptete auch Verfassungsexperte Michael Ellis in der BBC: „Sie ist schließlich nach dem Thronfolgegesetz von 1701 die einzige, die es hätte verbieten können“.

Es war die erste Hochzeit eines britischen Thronfolgers auf dem Standesamt. Und die erste mit einer Geschiedenen: Der letzte Royal, der das versuchte, Edward VIII., musste abdanken und wurde für den Rest seines Lebens mit Verachtung gestraft. Charles wurde gestern praktisch von der ganzen Familie aufs Standesamt begleitet – nur die Queen und der Duke of Edinburgh blieben fern , denn offenbar machte die Rolle der Queen als Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche die Teilnahme unmöglich. Trauzeugen waren Prinz William und Camillas Sohn Tom Parker Bowles, der auch Charles’ Patensohn ist. Doch alle Einzelheiten der Zeremonie blieben geheim. Sogar Fotos verschwinden erst einmal für Jahrzehnte in den Staatsarchiven.

BBC-Reporter hatten auch gestern keine Mühe, negative Stimmen einzufangen: „Alle lieben Diana“, sagte die betagte Friseuse Greta Sussex in ihrem Geschäft in Launceston, „nie hätte dies passieren dürfen.“ Aber in Windsor rollten zwei ältere Damen ein Spruchband aus: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ – und wünschten dem Jubelpaar Liebe und Glück für den Rest seines Lebens.

Nach dem Empfang mit 700 Gästen aus Aristokratie, Politik und Showbusiness flogen Charles und Camilla abends in die Flitterwochen auf Charles schottischen Landsitz Birkhall. Ein neues Leben für das Paar – und seine Rehabilitation hat begonnen. Nun kann Camilla öffentlich die Rolle spielen, die sie im Stilen längst übernommen hatte. „Sie hat Charles das Leben schon enorm erleichtert“, wusste der frühere Erzbischof von Canterbury, Lord Carey. „Nach zwei Minuten glaubt man, man habe sie ein Leben lang gekannt“, lobte die betagte Duchess of Devon. Camilla ist keine Märchenprinzessin wie Diana, aber eine humorvolle, warmherzige und praktische Frau, die mit beiden Beinen mitten im Leben steht. „Und sie ist völlig unneurotisch", versicherte gestern der Filmstar Richard E. Grant, „auch wenn das vielleicht nicht modisch ist, das ist genau, was Charles braucht .“

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