Welt : Eine Kathedrale versinkt im Boden

DANIELA MEIXNER[dpa]

Unerprobte Methode soll Mexikos größtes Gotteshaus retten VON DANIELA MEIXNER, dpa

Mexiko-Stadt.Der Bischof Zarramuga hat die Augen für immer fest geschlossen.Um seinen Sarg in der Gruft der Kathedrale von Mexiko-Stadt verbreiten die Maschinen Lärm und heiße Luft.Es stinkt nach Öl.Während oben die Menschen ihre Gebete murmeln, saugen im Untergrund die Pumpen Schlick aus der Tiefe an und spucken ihn neben jahrhundertealten Gräbern aus.Eine feine Staubschicht bedeckt die Grabfigur des toten Bischofs, der in der Kathedrale eigentlich in Frieden ruhen soll. Mit einer einzigartigen Rettungsaktion versucht Architekt Sergio Zaldivar im Auftrag des staatlichen mexikanischen Denkmalamtes, die größte Kathedrale des Landes vor dem Zusammenbruch zu bewahren.Denn die 400 Jahre alte und 127.000 Tonnen schwere Kirche ist zu weich gebettet: Sie liegt auf einem ehemaligen See, der große Teile des Hochtals von Mexiko bedeckte. Die Azteken hatten auf Inseln im See Tenochtitlan erbaut, das religiöse und politische Zentrum ihres Reiches.Nach der Eroberung der Stadt im Jahr 1521 erbauten die Spanier über den Trümmern der Palast- und Tempelanlage den Zocalo, den großen Hauptplatz der Stadt, mit der Kathedrale an seiner Nordseite.Schon während der Bauarbeiten mußten sie jedoch feststellen, daß das Symbol ihres Sieges über die aztekischen Götter langsam und vor allem ungleichmäßig im Boden versank. Die Erbauer verlängerten die südlichen Säulen um einen Meter und vollendeten die Kirche mit einer um 14 Zentimeter vom Mittelpunkt abweichenden Kuppel.Doch das Gebäude sank weiter, nicht zuletzt, weil die Spanier, denen die Insellage nicht behagte, Abflußkanäle bauten und den See mit der Zeit entwässerten.Insgesamt, schätzen Experten, liegt die Kathedrale heute etwa sieben Meter tiefer als im 17.Jahrhundert.Den südwestlichen Glockenturm traf es am härtesten.Während festere Bodenschichten und die Fundamente der aztekischen Sonnenpyramide den Nord- und Ostteil der Kathedrale stabilisierten, sank er immer weiter ab.Die Mexikaner beschleunigten den Prozeß, als sie 1850 damit begannen, ihren Wasserbedarf größtenteils aus dem Untergrund zu decken. Nach starken Regenfällen stellte der Denkmalschutz vor sieben Jahren breite Risse in der Kuppel und im Mauerwerk der Kathedrale fest.Das Gefälle zwischen der Sakristei und dem Glockenturm betrug bereits zweieinhalb Meter.Um ein Auseinanderbrechen des Gebäudes zu verhindern, entschieden sich die Mexikaner für eine unerprobte Methode: Sie begannen, unter den höher gelegenen Gebäudeteilen Schlick aus bis zu 30 Metern tiefen Bohrlöchern zu fördern.Gleichzeitig sollen Hunderte von Druckgewichten die Fundamente in den Boden drücken. Während die Arbeiten in der Gruft vorangehen, herrscht in der Kathedrale eine surrealistische Atmosphäre.Grüne Stahlgerüste, von 700 überdimensionalen Schraubzwingen zusammengehalten, stemmen sich gegen die schiefen Säulen.Touristen testen die Neigung des Steinbodens und lassen Papierkügelchen rollen.Die Betstühle im Hauptschiff stehen schräg, als ob man sich auf hoher See befände. Jeden Monat messen Arbeiter die Abstände zwischen Säulen, Chorstuhl und Kapellen.Seit Beginn des Arbeiten hat sich der nördliche Hauptaltar den niedrigeren Bereichen wieder um etwa 60 Zentimeter Höhe angeglichen.30 Zentimeter mehr hat sich Zaldivars Team noch vorgenommen.Acht Millionen Dollar hat der Staat bisher in das Rettungsprojekt investiert.Doch eine genaue Aussage, ob und wann die Gerüste wieder abgebaut werden, will der Architekt nicht machen.Zwei bis drei Jahre, schätzt Zaldivar, müsse man sich sicher noch gedulden.Viele Gläubige sind allerdings in der Beziehung ungläubig: Sie sind davon überzeugt, daß die Kathedrale nie wieder allein auf eigenen Säulen stehen wird.

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