• Eine Kugel für den Kommissar - unter den Verletzten ist auch Tatort-Schauspieler Günter Lamprecht

Welt : Eine Kugel für den Kommissar - unter den Verletzten ist auch Tatort-Schauspieler Günter Lamprecht

Frank Noack

Wenn es um Krankheiten, Unfälle oder den Tod geht, sind die großen Stars Menschen wie du und ich. Und doch scheinen sie selbst hier noch privilegiert zu sein. Das, was Prominenten zustößt, wirkt im Nachhinein dramaturgisch schlüssig, ob es sich um die tödlichen Autounfälle von James Dean und Lady Di handelt oder das stehengebliebene Herz von Romy Schneider. Den Stars passiert nichts einfach so, es hat immer einen Sinn. Wenigstens versuchen wir uns das einzureden. Um so schockierender ist nun die Nachricht, dass der Schauspieler Günter Lamprecht von Kugeln getroffen wurde. Der Amokschütze, der blindwütig geschossen hat, hat auch Lamprecht verletzt. Es wäre beruhigend, einen kausalen Zusammenhang zwischen der Bluttat und Lamprechts Funktion als "Tatort"-Kommissar zu entdecken, denn auch die schrecklichste Tat lässt sich verarbeiten, wenn man ein Motiv ausmachen kann. Hier gibt es keines. Wie die anderen Verletzten und Getöteten des Massakers ist Lamprecht das Opfer eines grausamen Zufalls.

Günter Lamprecht ist das, was man ein Urgestein nennt, ein kraftvoller, überlebensgroßer Darsteller, der im Alleingang die Tradition von Paul Wegener, Emil Jannings und Heinrich George fortgeführt hat. Als Rainer Werner Fassbinder seinen 13-teiligen "Berlin Alexanderplatz" drehte, kam niemand außer Lamprecht für die Rolle des getretenen, geschlagenen und doch unverwüstlichen Franz Biberkopf in Frage. Er übertraf sogar noch Heinrich George, der 1931 denselben Part im Film gespielt hatte, denn bei aller Energie, die von ihm ausging, war Lamprecht auch ein disziplinierter Darsteller, ein "Rabauke mit zarter Seele", wie Friedrich Luft ihn nannte. Er musste seine Kraft nicht ständig unter Beweis stellen. Dass er mit seinem kräftigen Körperbau auch Ruhe und Zuverlässigkeit vermittelte, prädestinierte ihn für seine zweite Rolle, die ihn einem breiten Publikum bekannt machte, die des "Tatort"-Hauptkommissars Franz Markowitz. Von 1991 bis 1995 war er in acht Folgen zu sehen.

Der Schauspieler selbst hatte die Rolle für den "Tatort" des Senders Freies Berlin erfunden. Nach acht Fällen überwarf sich Lamprecht mit dem SFB, kritisierte "widrige Arbeitsbedingungen" und entschloss sich zu der Bühnenfassung. Das von Gert Heidenreich geschriebene Stück "Vaterliebe" hatte im Mai 1997 in Hamburg seine Erstaufführung und ging danach auf Tournee, zuletzt nach Bad Reichenhall, wo ihn die Kugeln trafen.

Angesichts seiner eher väterlichen Ausstrahlung verwundert es nicht, dass Lamprecht erst relativ spät den Duchbruch erlangt hatte. 1930 in Berlin-Mitte als Sohn eines Taxifahrers und einer Putzfrau - wie es damals noch hieß - geboren, dann in Kreuzberg aufgewachsen, war er Dachdecker und Amateurboxer, bevor er 1953 Schauspielunterricht nahm. Bis 1968 war er ausschließlich Theaterschauspieler. Keiner von der sesshaften Sorte: Er verließ Berlin, um befristete Engagements in Bochum, Oberhausen, Wiesbaden, Heidelberg, Essen, Köln und Hamburg anzunehmen. Zu seinen Paraderollen gehörte der Maurerpolier John in Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" (Freie Volksbühne Berlin, 1977) und der Dorfrichter Adam in Kleists "Der zerbrochne Krug" (Ruhrfestspiele Recklinghausen, 1983).

Sein Fernsehdebüt hatte den bezeichnenden Titel "Der Meisterboxer" (1968). Obwohl er auf Proletarier festgelegt war, meist gewalttätig und trunksüchtig, bewies er in diesem Rahmen eine erstaunliche Vielseitigkeit. "Das Brot des Bäckers" (1976), einer der besseren deutschen Arbeiterfilme der siebziger Jahre, der ohne Wehleidigkeit und Soziologensprache auskam, verschaffte Lamprecht einen Karriereschub. Als Sozialhilfeempfänger misshandelte er seine Frau Hanna Schygulla in Marianne Lüdckes "Die große Flatter" (1979), um in Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" (1979) mit seinem prolligen Charme Schygullas Film-Mutter Gisela Uhlen zu umwerben. Er war auch "Milo Baruch - Der stärkste Mann der Welt" (1982). Hoffentlich bleibt Günter Lamprecht auch privat unverwüstlich.

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