• Eine neue Studie prophezeit den raschen Untergang der Lagunenstadt. Das erschüttert allerdings weder Ureinwohner noch Touristen

Welt : Eine neue Studie prophezeit den raschen Untergang der Lagunenstadt. Das erschüttert allerdings weder Ureinwohner noch Touristen

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Schon jetzt meldet das Hochwasseramt immer häufiger dramatische Überflutungen. Der Treibhauseffekt wird die Lage noch verschlimmern. Zudem sinkt der Boden der Stadt immer weiter abos

Der Charme des Verfalls und der Vergänglichkeit macht für viele Venedig-Liebhaber den eigentlichen Reiz der Stadt aus. Die alle Jahre wiederkehrenden Alarmrufe gehören fest zum Image der Stadt und sind eine wichtige Werbung für den Tourismus. Die neueste Nachricht ist wieder erschreckend, aber wer hätte etwas anderes erwartet. So ist niemand wirklich schockiert. Die Lagunenstadt, berichtete jetzt ein Forscherteam der Colgate-Universität in Hamilton (US-Bundesstaat New York), versinke viel schneller im Meer als bisher angenommen.

Um ganze 30 Zentimeter habe sich der Grund unter den Häusern und Denkmälern in diesem Jahrhundert abgesenkt - fast 100 Prozent mehr als angenommen. Selbst ausgeklügelte Pläne wie das geplante Großprojekt zum Bau von 79 Stauwerken könnten den Trend nicht mehr aufhalten. Ursache sei unter anderem der Treibhauseffekt. Unheilschwanger fasst die italienische Nachrichtenagentur Ansa den Tenor der Studie zusammen: "Zu spät zur Rettung der Lagune".

Diesmal also wirklich? Im Ufficio maree, dem Hochwasseramt der Dogenstadt, gibt man sich am Mittwoch eher entspannt. "Wir kennen die Studie. Wir können aber auch eine Reihe gegenteiliger Forschungen vorlegen." Schließlich werde über die Frage, wie schnell die Stadt ins Meer absackt, seit Jahrzehnten geforscht - mit unterschiedlichen Ergebnissen. Es scheint, die Antwort ist eines der am besten gehütetsten Geheimnisse Italiens. Fest steht bisher nur eins: Die Fluten überspülen die Lagune immer häufiger. Allein 1997 mussten Venezianer und Touristen 79 Mal zu ihren Gummistiefeln greifen. In den vergangenen zehn Jahren wurden 132 Mal "besonders schwere Hochwasser" gemeldet. Experten fürchten, dass sich solche Ausnahme-Fluten künftig immer mehr ereignen, bis zu 30 Mal im Jahr. Ursache sei das Abschmelzen des Poleises und der Anstieg des Meeresspiegels durch die Erwärmung (Treibhauseffekt).

Ein anderer Grund sei das teilweise natürliche Absinken des Bodens, meinen die US-Forscher Albert Ammerman und Charles McClennen. Erst kürzlich fanden Wissenschaftler heraus, dass der Markusplatz in den vergangenen 100 Jahren um 35 Zentimeter abgesunken sei. Ausgerechnet das Juwel der Stadt sei zugleich eine ihrer tiefsten Stellen. Experten beraten derzeit darüber, ob es nicht gelingen könnte, den Boden des Platzes künstlich anzuheben - Markusplatz auf Stelzen, spotten bereits erste Kritiker.

Doch im Mittelpunkt des Kampfes zur Rettung der "sterbenden Stadt" steht das "Projekt Mose". Der gigantische Plan sieht die Errichtung von 79 Wehren und Stauwerke in der Lagune vor: Bei Sturmfluten sollen diese ihre beweglichen Klappen schließen und die Wassermassen dadurch zurückhalten. Jedes der Stauwerke wäre 30 Meter lang. Die Gesamtkosten werden auf umgerechnet 4,4 Milliarden Mark geschätzt. Bauzeit: acht Jahre.

Der Streit um das Mega-Projekt dauert bereits Jahrzehnte, im Dezember soll nun endgültig entschieden werden. Befürworter behaupten, "Mose" sei die letzte Rettung, sonst werde Venedig untergehen wie einst Atlantis. Dagegen lehnte der grüne Umweltminister in Rom, Edo Ronchi, den Plan bisher aus ökologischen Gründen ab. Auch die US-Forscher springen ihm bei: Das schon heute bedrohte Öko-Gleichgewicht der verschmutzten Lagune könne vollends umkippen. Die lebensnotwendige Zufuhr frischen Meerwassers werde verhindert. "Die Stadt würde überleben, aber in einer toten Umwelt", meinen Kritiker.

Alternativen haben die Grünen schon vorgeschlagen. Sie wollen den Abbau von Methangas vor der Lagune und den Tankerverkehr für die Chemieindustrie stoppen. Zudem wollen sie die Fundamente der Gebäude erhöhen, was wiederum die meisten Bürger der Stadt ablehnen.

Beruhigend verweisen Venezianer darauf, dass Venedig schon immer eine "sterbende Stadt" gewesen sei. Ein erster Bericht über "Aqua alta" (Hochwasser) stammt aus dem Jahr 875. Und im 13. Jahrhundert wollte der Doge Pietro Ziani gleich alle Bewohner umsiedeln - nach Konstantinopel.

Aber einen Gedanken hat die neue Studie bei vielen hervorgerufen, die vor Jahren dort einmal einen romantischen Urlaub - oder zwei - verbracht haben: Eigentlich könnte man doch nächstes Frühjahr wieder nach Venedig fahren.
© 1999

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