Welt : Eine Prinzessin wird besichtigt

Die schwedische Thronfolgerin Victoria kommt für zwei Monate nach Berlin

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Von Elisabeth Binder

Arme Prinzessin. Das geht so gut oder fast noch besser zusammen wie „glückliche Prinzessin".

Zwei Monate Praktikum in Berlin. Das ist für eine 25-Jährige normalerweise ein Traum. Clubbing und Kino und Off-Kultur jeglicher Prägung. Wenn man sich nach Feierabend einfach so durch die Stadt treiben läßt, gibt es lauter aufregende Dinge zu entdecken.

Für Victoria Ingrid Alice Désirée, Kronprinzessin von Schweden, Herzogin von Västergötland, wird das nicht ganz so einfach sein.

Seit sich herumgesprochen hat, dass die schwedische Thronfolgerin für ein zweimonatiges Praktikum nach Berlin kommt, steigert die Medien-Hype-Maschine täglich ihre Drehzahl. Die Botschaft kann sich vor Anfragen und Fotowünschen kaum retten. Für ihr Praktikum hätte sich die Prinzessin keine bessere und keine schlechtere Stadt aussuchen können.

Gut ist Berlin, weil sie hier familiäre Wurzeln hat. Hier besaß ihr Großvater, Walter Sommerlath, eine Fabrik für elektronische Geräte. Bis 1942 wohnte die Familie in Nikolassee, dann zog sie nach Heidelberg, wo ihre Mutter, die spätere Königin Silvia, geboren wurde. Außerdem lebt hier ihr Onkel Jörg Sommerlath; er arbeitet in der Handelsabteilung der brasilianischen Botschaft. Aus Brasilien stammte die 1997 verstorbene Mutter von Königin Silvia, Alice Sommerlath, Spross des spanischen Adelsgeschlechts de Toledo. Königin Silvia kommt häufiger mal nach Berlin, im Oktober zum Beispiel, wenn sie wieder für ihre Mentor-Stiftung wirbt.

Auch Kronprinzessin Victoria kennt die Stadt von früheren Besuchen seit ihrer Kindheit. Inzwischen ist sie allerdings eine heiratsfähige Thronfolgerin geworden, die auch ganz offen über die Schattenseiten ihres Lebens gesprochen hat. Eine Traumprotagonistin also für alle bunten Blätter.

Nichts ohne meinen Vater

Victoria wurde als ältestes von drei Kindern am 14. Juli 1977 im Karolinska Hospital in Stockholm geboren. Ihr Bruder Carl Philip folgte im Jahr 1979, die Schwester Madeleine im Juni 1982. Am ersten Januar 1980 wurde die schwedische Thronfolgeregelung, nach der männliche Erben den Vortritt hatten, zugunsten von Victoria geändert. Aus der Prinzessin wurde eine Kronprinzessin. Das bringt Einschränkungen der persönlichen Freiheit mit sich, die man wahrscheinlich in keinem Alter so schmerzlich spürt, wie zwischen 18 und 28. Dazu zählt, dass sie das Land ohne Einwilligung des Vaters nicht verlassen darf, lutherisch bleiben muss und ohne den Segen des Vaters und des Ministerpräsidenten nicht heiraten darf. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, könnte sie immerhin einem bürgerlichen Mann das Jawort geben; nur der Thronfolger einer anderen Monarchie wäre äußerst ungünstig. Da in Schweden, wie in anderen europäischen Königreichen auch, die Aufgaben der Monarchen heute weitgehend aufs Repräsentative beschränkt sind, lassen sich Länder durch so erfreuliche Verbindungen nicht einfach zusammenlegen.

Während sich andere junge Leute frei bewegen dürfen, diskret ausprobieren können, mit welchen Freunden sie zusammenleben wollen und mit welchen nicht, lastet auf der Kronprinzessin der besondere Druck des öffentlichen Interesses. Auch wenn sie von frühester Kindheit an auf ihre künftige Aufgabe als Königin vorbereitet wurde (sie wäre innerhalb der letzten 500 Jahre erst die dritte Frau auf dem schwedischen Thron), kann so ein beobachtetes Leben nicht immer lustig sein. Seitdem sie am 14. Juli 1995, dem Tag, an dem sie volljährig wurde, zur Stellvertreterin ihres Vaters König Carl Gustaf ernannt wurde, fand sie sich dauernd in den Zeitungen wieder. Bis dahin konnte sie einigermaßen unbehelligt aufwachsen. Sieht man davon ab, dass sie bereits im zarten Alter von drei Jahren zusammen mit ihrem Vater eine Briefmarke zierte, lebte sie vorbildlich dem schwedischen Gleichheitsideal entsprechend, besuchte eine öffentliche Volksschule und ein staatliches Gymnasium und nicht etwa die Deutsche Schule in Stockholm, was ihre Mutter sicher gern gesehen hätte. Schon im Teenageralter fiel sie durch ihre Natürlichkeit auf, die nach einhelliger Beobachtermeinung frei war von Eitelkeiten und Manierismen. Mit ihrem Charme, ihrer Fröhlichkeit und der Unbefangenheit, mit der sie sich auch auf Small Talk einlassen kann, stach sie immer häufiger ihren oft sehr ernst wirkenden Vater aus, den sie „Papa" nennt. Sie reitet gern, auch Turniere, und liebt es, Ski zu fahren. Rasch wurde sie zum Star bei royalen Festen jeglichen Anlasses. Eine schöne Prinzessin aus einer alten Monarchie im besten heiratsfähigen Alter bietet natürlich nicht nur für potenzielle Schwiegermütter jede Menge Projektionsfläche.

Das hatte Folgen. Im November 1997 bestätigte der Hof, dass die Kronprinzessin unter Essstörungen leide und deswegen auch in Behandlung sei. Wie die englische Prinzessin Diana litt sie unter Bulimie, was unter anderem auf den Stress mit der Presse zurückgeführt wurde. Sie nehme ihre Verpflichtung für die schwedische Monarchie sehr ernst, ließ der Hof verlauten. Die schwedische Presse nahm ihren Job auch sehr ernst, weshalb die Prinzessin ihren Studienplatz an der Universität von Uppsala aufgeben musste, um den Verfolgungen der Paparazzi zu entgehen.

Die moderne Märchengeschichte, auf die bunte Zeitschriften (einst nach einer anderen deutschen Aschenbrödelstory auch „Sorayapresse“ genannt), so abfahren, begann im Grunde lange vor Victorias Geburt. Im Jahr 1972 lernte der schwedische Thronfolgrer Carl Gustaf bei den Olympischen Spielen Silvia Sommerlath kennen und lieben. Vier Jahre später wurde aus der einstigen Chefhostess Königin Silvia. Wenn es aus der Sicht der Boulevardmedien etwas zu bemängeln gab, dann allenfalls die Skandalabstinenz des schwedischen Königshauses. Während es in England immer wieder saftig zur Sache ging und so ziemlich alle protokollarischen Undenkbarkeiten das Licht der „Sun" erblickten, blühte in Schweden eine Königsfamilie heran, die lange an die heile Welt von Bullerbü erinnerte.

Sogar die Magersuchtkrise wendete Victoria ins Positive, indem sie sich dazu bekannte, anderen essgestörten Frauen helfen zu wollen. Erst kürzlich handelte sie ähnlich, als sie auf einer Konferenz über Mobbing in der Schule ihre Legasthenie eingestand, die sie offenbar vom Vater geerbt und mit Hilfe von Experten und vielen Extrastunden überwunden hat.

Anfang 1998 ging sie an die Universität Yale. Das wirkte gegen die Krankheit besser als alle medizinischen Behandlungen. An amerikanischen Eliteuniversitäten treffen sich so viele Hoffnungsträger berühmter Familien, dass der Einzelne nicht so auffällt. Sie genoss die Ruhe und die Tatsache, allein in ein Café gehen und ganz locker mit der Frau an der Kasse reden zu können. Dort fand sie zurück zu einer normalen Figur und sammelte Selbstbewusstsein und Gelassenheit für ihre künftigen Aufgaben.

Auf die hat sie sich fachlich im Laufe der Jahre umfassend vorbereitet, hat in Angers französisch studiert, hat ein intensives Arbeitsprogramm absolviert, das sie mit der schwedischen Regierung und dem Parlament vertraut machte, hat in Yale Seminare in Geschichte und Politikwissenschaften belegt, sowie Praktika bei den United Nations in New York und an der schwedischen Botschaft in Washington absolviert.

Liebesleben ohne Privatspäre?

Das alles interessierte die breite Öffentlichkeit natürlich längst nicht so sehr wie das Liebesleben der Prinzessin. Sie selbst wird gelegentlich damit zitiert, dass sie um Respektierung ihrer Privatsphäre bitte. Vor zwei Jahren bestätigte sie immerhin, dass der Bankierssohn Daniel Collert ihr Freund sei. Von dem hat sie sich Anfang des Jahres offenbar getrennt. Neuerdings wird ihr Fitnesstrainer Daniel Westling als der neue Mann an ihrer Seite gehandelt. Das Königshaus hat das zwar nicht bestätigt, aber das elegante Stockholmer Sportinstitut des 28-Jährigen erlebt seitdem einen Boom von potenziellen Königskinderguckern.

Die werden sich demnächst wohl auch vor dem ansonsten unspektakulären Schwedischen Außenwirtschaftsrat sammeln, wo die Prinzessin ihr Praktikum macht.

Da sie als ernsthafte Arbeiterin gilt, hätte sie sich ein bisschen unbehelligtes Nachtleben ja eigentlich verdient. Ob man sie leben und arbeiten und sich amüsieren lässt wie andere junge Frauen auch? Daran mag es unter anderem auch hängen, ob die Berliner nach zwei Monaten einer armen Prinzessin „Auf Wiedersehen" winken oder einer glücklichen.

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