Welt : Eine schwierige Familie

Der Braunbär an der bayerischen Grenze ist identifiziert. Ihn wurde etwas Falsches gelehrt

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München - Endlich ist seine Identität geklärt: Der Braunbär, der seit längerer Zeit im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet umherwandert, stammt aus einem EU-Wiederansiedelungsprojekt im Südtiroler Adamello-Brenta-Naturpark und trägt den Namen „JJ1“. Er ist der zweijährige Zwillingsbruder von „JJ2“. Zunächst hatte man vermutet, „JJ2“ habe als erster Bär seit 170 Jahren vor rund eineinhalb Wochen Bayern einen Kurzbesuch abgestattet. Die Bezeichnung „JJ1“ setzt sich den Angaben des Umweltministeriums in München zufolge aus den Anfangsbuchstaben der Namen der Mutter „Jurka“ sowie des Vaters „Joze“ zusammen. Auch die Mutter und der Bruder gelten in Italien als so genannte Problembären.

Aufgrund der Herkunft des Tieres können die Experten nun erklären, warum der Bär kaum Scheu vor Menschen zeigt und bevorzugt in Siedlungsnähe auf die Jagd geht. Der Wildbiologe Andreas König von der Technischen Universität (TU) Freising sagte am Dienstag gegenüber ddp: „Den ganzen Unsinn hat ihm die Mutter beigebracht.“ Die Tiere lernten über die Mutterbindung, wo es was zu essen gebe und wie man sich die Nahrung einfach und ohne großes Risiko beschaffe. Die 15 Monate, die Jungtiere bei der Mutter verbringen, seien dabei „äußerst prägend“.

„JJ1“ und „JJ2“ haben dem Experten zufolge von ihrer Mutter gelernt, dass es in der Nähe von Siedlungen ausreichend Nahrung gibt, die sehr leicht zu beschaffen ist. „Tiere denken ökonomisch“, betont der Experte. Ein Reh zu jagen sei demnach für sie wesentlich aufwändiger als in einen Hühnerstall einzudringen oder Schafe auf der Weide zu reißen.

Auch die Angewohnheit von „JJ1“, nie an den gleichen Ort zurückzukehren, kann aufgrund seiner Herkunft und Prägung durch das Muttertier erklärt werden. „Der Bär hat ein Mal eine Vergrämungsaktion bei der Mutter miterlebt, die aber schief gelaufen ist“, sagt Ministeriumssprecher Roland Eichhorn.

Das Muttertier wollte damals mit den Jungbären zu seiner Beute, die es am Vortag gerissen hatte, zurückkehren. „Als die Gummigeschosse, die das Muttertier vergrämen sollten, auf den Bär einprallten, lernte es: ,Komme ich ein Mal, gibt es Fressen, aber wenn ich ein zweites Mal zurückkehre, gibt es Ärger‘“, erklärt Eichhorn. Dieses Verhalten hätten die Jungbären übernommen. „Die Tiere handeln nicht in böser Absicht, sie tun nur das, was ihnen die Mutter beigebracht hat“, betont der Sprecher.

Jetzt, da die Herkunft des Bären geklärt ist, wissen die Experten auch, dass „JJ1“ als unbelehrbares Tier gilt. Denn im März haben die italienischen Experten in Trentino versucht, ihm mit Gummigeschossen die Scheu vor Menschen beizubringen. Auch dort hatte er innerhalb kurzer Zeit erheblichen Schaden in Menschennähe angerichtet. Die Vergrämungsmaßnahmen hätten den Bären aber „offensichtlich nicht beeindruckt“, sagt die Sprecherin der Umweltschutzorganisation WWF Österreich, Susanne Grof, in Wien. Über den Verbleib von „JJ2“ sei nichts bekannt. Man gehe aber davon aus, dass er illegal abgeschossen worden sein könnte.

Unterdessen wurden in der österreichischen Ortschaft Maurach am Achensee unweit der bayerischen Grenze erneut Tatzenspuren entdeckt. ddp

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