Welt : Eine Stadt erfindet sich neu 2003/2008

Wolfsburg ist zu einem der stärksten touristischen Anziehungspunkte im Osten Niedersachsens geworden

Silke Zorn

GRUPO CORPO

Brasilien

ENERGIE UND SINNLICHKEIT

Grupo Corpo ist das Synonym für brasilianischen Tanz. Die Tanzcompany aus Belo Horizonte verschmilzt klassisches Ballett, Modern Dance und die ethnischen Tänze ihrer Heimat zu einem hinreißenden Amalgam. Nach dem umjubelten Auftakt von Movimentos 2003 kehrt das 20-köpfige Ensemble nun mit einem aufregenden Doppelprogramm zurück in die Autostadt: „Parabelo“ bezeichnet Rodrigo Pederneiras selbst als seine brasilianischste Choreografie. Zu Arbeits- und Gebetsliedern entwickelt er eine Bewegungssprache voller Dynamik und Sinnlichkeit. Die neue Kreation „Breu“ mit ihrer raffinierten Schwarz-Weiß-Optik basiert auf harten Kontrasten und Konfrontationen. Die mitreißende Musik stammt von Lenine, dem Superstar der Nova Musica Brasileira.

Huhn oder Ei? Darüber, was zuerst da war, lässt sich kräftig streiten. Im Fall von Wolfsburg ist die Sache allerdings klar: Erst kommt der Volkswagen, dann die Stadt. 1934: Adolf Hitler ruft zur „Motorisierung des deutschen Volkes“ auf. Sparsam im Verbrauch soll das „Volksautomobil“ sein, Platz für vier Personen bieten, 100 Stundenkilometer auf der Autobahn halten können und unter 1000 Reichsmark kosten. Nur wenige Wochen nach der Grundsteinlegung für das Werk wird am 1. Juli 1938 die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet. Die Geburtsstunde des heutigen Wolfsburg.

Als die Amerikaner 1945 Werk und Stadt besetzen, besteht eine ihrer ersten Amtshandlungen darin, der Stadt einen neuen Namen zu geben. Am 25. Mai 1945 wird aus der „Stadt des KdF-Wagens“ Wolfsburg – in Anlehnung an das nahe gelegene Schloss.

In den 50er Jahren boomt der Wohnungsbau. Neben dem Stadtplaner Hans-Bernhard Reichow ist es Peter Koller, unter dessen Regie zwischen 1950 und 1954 die ersten größeren Wohnviertel entstehen. Es folgen Schulen, Kirchen, das Stadtkrankenhaus und das Rathaus. Angesichts der rund 6000 Pendler, die zu ihrer Arbeit bei VW täglich mit dem Zug anreisen, wird auch ein neuer Bahnhof notwendig. Besonders nachdrücklich mahnt der damalige Stadtdirektor Johannes Dahme den Ersatz des Vorkriegsprovisoriums an. Mit gleich drei Bauwerken des finnischen Architekten Alvar Aalto beginnt Wolfsburg, sein Antlitz zu verändern. Aus einer Stadt der Provisorien ist endgültig eine Stadt im Aufbruch geworden.

Aufbruchstimmung spürt man auch heute wieder, im 70. Jahr nach der Gründung. Mit neuen Kultur- und Freizeitangeboten ist die Stadt auf dem besten Weg, ein Touristenmagnet zu werden, nachdem sie über viele Jahre ein eher unscheinbares Dasein im Schatten des VW-Werkes fristete. „Wolfsburg hat nur einen Zweck: Kauf dir ein Auto und fahr weg“, witzelten böse Zungen noch Mitte der 90er Jahre. Und auch die Wolfsburger litten unter dem Image ihrer Heimat als Stadt vom Reißbrett ohne Flair. Derlei Identitätskrisen gehören zum Glück der Vergangenheit an, weiß Oberbürgermeister Rolf Schnellecke: „Heute sind die Bürger stolz auf ihre Stadt und die Entwicklungen der letzten Jahre.“

Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Autostadt. Im Jahr 2000, parallel zur Weltausstellung Expo in Hannover eröffnet, ist die Erlebniswelt des Volkswagenkonzerns mit rund zwei Millionen Besuchern pro Jahr einer der größten Anziehungspunkte im Osten Niedersachsens und „hat maßgeblichen Anteil an der Verzehnfachung der Städtereisen nach Wolfsburg seit Ende der 90er Jahre“, sagt Otto Ferdinand Wachs, Geschäftsführer der Autostadt. Damals kamen nur knapp 400 000 Touristen jährlich in die Region. Auf dem 25 Hektar großen Areal gegenüber dem Bahnhof dreht sich alles um Autos und Mobilität. Eingebettet in eine Landschaft aus Hügeln, Lagunen und Wasserläufen präsentieren sich die Marken des Konzerns in eigenen Pavillons. Und aus den weithin sichtbaren Autotürmen können Käufer ihren neuen Wagen höchstpersönlich abholen. Der Autokauf als Event – eine Idee, die in Wolfsburg funktioniert.

Auch südlich der Bahntrasse zieht seit zweieinhalb Jahren ein futuristischer Bau die Blicke auf sich: das „phæno“. Der Begriff „Museum“ klingt eigentlich viel zu verstaubt für einen solchen Ort. Der Initiator und Direktor, Wolfgang Guthardt, spricht daher auch lieber von einer Experimentierlandschaft oder einem „Science Center“. Auf über 9000 Quadratmetern kann man naturwissenschaftlichen und technischen Phänomenen auf den Grund gehen. 250 Experimentierstationen beschäftigen sich mit Themen wie Licht und Sehen, Wind und Wetter, Materie, Energie und Bewegung. „Wir wollten einen authentischen Ort schaffen, der genau wie Wolfsburg von Naturwissenschaft und Technik lebt“, sagt Wolfgang Guthardt.

Entworfen wurde der langgestreckte Betonbau mit seinen schrägen Fenstern und kegelförmigen Füßen von der Irakerin Zaha Hadid, die 2004 als erste Frau den Pritzker-Preis erhielt, den „Nobelpreis der Architekten“. So ausgefallen war Hadids Entwurf eines Abenteuerlandes aus Kratern, Höhlen, Terrassen, windschiefen Aufgängen und Plateaus, dass er nur mit Hilfe moderner Spezialbaustoffe umgesetzt werden konnte.

Nur wenige Schritte weiter dürfen Wissensmüde seit Mitte Dezember 2007 einer ganz anderen Leidenschaft frönen: dem Einkaufen. In ellipsenförmigen Glasbauten sind dort die „Designer Outlets Wolfsburg“ entstanden, die ersten ihrer Art in Norddeutschland. Rund 40 Hersteller bieten Markenkleidung und Accessoires zu vergünstigten Preisen an. Für Touristen, aber auch für Einheimische sicher eine willkommene Abwechslung. Denn wer sich vom Bahnhof aus zur Porschestraße, der Fußgängerzone, aufmacht, sucht zunächst vergeblich nach ein wenig Shopping-Atmosphäre. Imbissbuden wechseln sich mit kleinen Läden und in die Jahre gekommenen Pavillons ab. Wer sich bis zur 2001 eröffneten „City-Galerie“ mit ihren rund 100 Geschäften durchschlägt, bemerkt allerdings erste Veränderungen. Das Pflaster wird erneuert, Bäume gepflanzt. „Alles soll lichter, freier und großzügiger werden“, so Oberbürgermeister Schnellecke.

Am südlichen Ende der Porschestraße erhebt sich ein weiteres Kultur-Flaggschiff: 1994 eröffnet, war das Kunstmuseum die „Keimzelle des neuen Wolfsburg nach der Wende“, sagt Markus Brüderlin. Der gebürtige Schweizer kam vor zwei Jahren von der Fondation Beyeler in Basel als Direktor des Kunstmuseums nach Wolfsburg. Heute ist das Museum eine begehrte Adresse in der internationalen Kunstszene. Dabei versteht sich das Haus nicht als hermetisch abgeschlossener Musentempel, sondern als lebendiges Forum für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. In der Ausstellung „Araki, Miyamoto, Sugimoto“ wird noch bis zum 6. April japanische Fotografie der Gegenwart gezeigt. Und im Rahmen des 70. Stadtjubiläums sind vom 26. April an Bilder des Wolfsburgers Heinrich Heidersberger zu sehen, der vor allem durch seine Industrie- und Architekturfotografie berühmt wurde.

Wer bei so viel Moderne Lust nach Historischem verspürt, muss sich zum Rothenfelder Markt aufmachen. Dort, im Schatten des alten VfL-Stadions und umgeben von Schnellstraßen, stehen die Überreste des alten Dorfes Hesslingen mit einigen restaurierten Fachwerkhäusern und der Sankt-Annen-Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Im „Galerie-Theater“ wird Kleinkunst angeboten, eine Scheune beherbergt die „Wolfsburger Figurentheater Compagnie“, und das „Atelier-Café“ serviert selbst gebackenen Kuchen.

Über die Berliner Brücke geht es weiter zum Schloss Wolfsburg. Umrahmt von Parkanlagen beherbergt das Renaissance-Kleinod heute verschiedene Museen, unter anderem das Stadtmuseum und die Städtische Galerie für zeitgenössische Kunst. Für Nostalgiker hat Oberbürgermeister Schnellecke aber auch noch einen weiteren Ausflugstipp parat: „Fallersleben und Vorsfelde mit ihren vielen schönen Fachwerkhäusern.“ Im Zuge einer Gebietsreform wurden die Kleinstädte 1972 in das Wolfsburger Stadtgebiet eingegliedert.

Auch für die Zukunft hat man große Pläne. In Kooperation mit Volkswagen hat die Stadt das Konzept einer „Erlebniswelt“ entwickelt, die mit Angeboten zu Sport, Unterhaltung, Shopping, Kunst und Kultur noch mehr Besucher anlocken soll. Dazu gehört unter anderem der neben der Autostadt gelegene Allerpark mit Badeland, Wasserskianlage, Eislaufbahn und Fußballhalle. Und auch als Wissenschaftsstandort will Wolfsburg künftig von sich reden machen. So sollen auf dem Mobile Life Campus im Stadtteil Hageberg drei Institute des neuen Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik einziehen. Das Auto und Wolfsburg – sie gehören halt doch zusammen. So war das eben schon immer.

Mehr im Internet:

www.wolfsburg.de

www.autostadt.de

www.phaeno.de

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

www.allerpark.info

www.designeroutletswolfsburg.com

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