Welt : Eine Stadt geht in Deckung

In Washington bestimmt der Heckenschütze den Alltag: Wer sich noch vor die Tür traut, hat ausgeklügelte Techniken

Malte Lehming[Washington]

In der Theorie wird fein säuberlich getrennt. Dort sind Angst und Furcht zwei unterschiedliche Gefühle. Die Angst ist beständig und diffus, die Furcht vorübergehend und konkret. Ein Mensch hat Angst, des Nachts allein durch den dichten Wald zu gehen. Er hat nicht Angst vor der Nacht oder dem Wald, sondern vor seinen Phantasien. In denen malt er sich aus, was ihm alles geschehen könnte. Vielleicht fürchtet er sich vor Spinnen. Wenn er auf eine trifft, rast sein Herz, der Adrenalinpegel steigt.

In diesem Moment empfindet er Furcht. Furcht ist, wenn der Körper reagiert. Angst ist, wenn sich Schatten über die Seele legen. In der Theorie kommen Serienmörder, die Scharfschützen sind, offenbar nicht vor. Was empfinden die Menschen, die im Großraum von Washington leben, in diesen Tagen? Ist es Angst? Furcht? Die Gefühle vermischen sich. Sie sind beständig, aber nicht diffus.

Sie lauern unter der Oberfläche des Alltags, schleichen sich in die Tiefen der Träume ein. Auf den ersten Blick hat sich das Straßenbild seit dem 2. Oktober, dem Tag des ersten Mordes, kaum verändert. Die Menschen gehen zur Arbeit, sitzen auf Parkbänken und warten an den Bushaltestellen wie eh und je. Einem Besucher, der noch nie etwas von dem unheimlichen Heckenschützen gehört hat, würde auf Anhieb wahrscheinlich gar nichts auffallen.

Doch spätestens am Abend, wenn er sich im Hotelzimmer durch die Fernsehkanäle zappt, würde es auch ihn erwischen - diese aufkommende Nervosität, das innere Kopfschütteln, die Ratlosigkeit und ins Leere laufende Wut. In den Medien läuft das Thema rund um die Uhr an erster Stelle. Die Spekulationsbörse brummt.

Zur leichteren Orientierung werden die Theorien mit Namen versehen. Ist der Täter ein „aggressiver Jäger", ein „eiskalter Einzelgänger", ein „frustrierter Soldat", ein „unberechenbarer Psychopath" oder vielleicht doch ein Terrorist? Worauf hat es Al Qaida schließlich abgesehen? Auf unschuldige Amerikaner. Und was sind die Opfer? Unschuldige Amerikaner. Beweise für eine Verbindung gibt es keine. Nicht einmal Indizien liegen vor. Dennoch sind FBI-Beamte zum US-Stützpunkt nach Guantanamo gefahren, um die dort Inhaftierten gezielt zu verhören. Man schließe halt nichts aus, heißt es zur Begründung. „Der Täter passt zwar nicht in unser Bild von einer Terroroperation", sagt einer der Ermittler, „aber er passt in überhaupt kein Bild." Seitdem die Terror-Theorie im Umlauf ist, fürchten sich die arabischstämmigen Amerikaner, wie damals nach dem 11. September, erneut vor Vergeltung. „Wenn das wirklich das Werk von Al Qaida sein sollte, werden wir hier unseres Lebens nicht mehr froh", sagt einer ihrer Sprecher.

Schlecht ist auch die Stimmung bei der Polizei. Auf der Suche nach dem Sniper, der mit je einem Schuss bislang neun Menschen getötet und zwei verwundet hat, ist sie offenbar ins Stocken geraten. Jetzt haben sich auch Zeugenaussagen, die zunächst Hoffnungen geweckt hatten, als widersprüchlich oder falsch erwiesen. Außerdem wächst die Einsicht, dass die Psychologie in diesem Fall an ihre Grenzen gelangt. Das so genannte „Profiling", das Erstellen eines Täterprofils, entpuppt sich immer mehr als eine Art kunstvolles Herumstochern im Nebel. „Das einzig Berechenbare an diesem Kerl ist seine Unberechenbarkeit", sagt ein Ermittler. Je mysteriöser ein Verbrechen, desto stärker wühlt es auf. Die Bewohner von Washington, jener Stadt, die weltweit als Zentrum der Macht gilt, gehen buchstäblich in Deckung.

Wer zu Hause oder bei der Arbeit am Fenster sitzt, lässt vorsorglich die Jalousien herunter. Ganztags. Der Benzinverkauf ist um ein Drittel zurückgegangen. Wer dennoch zum Tanken fährt, benutzt eine ausgefeilte Technik: Die Tanköffnung muss zur Tankstelle zeigen, nachdem der Zapfhahn betätigt wurde, geht der Kunde bis zum Ende des Einlaufens in Deckung. An den öffentlichen Schulen sind weiterhin die Sportprogramme gestrichen sowie alles Andere, was außerhalb der Gebäude stattfindet. Und abends bleiben die Menschen zu Hause. Doch dort sehen sie Fernsehen und werden wieder aufgewühlt. Die Angst gebiert auch Misstrauen.

Für den Verkäufer im Supermarkt von nebenan hat das ganze Elend mit dem Amtsantritt von George W. Bush begonnen. „Ich will wissen, was da wirklich passiert", sagt er. Ein Flugzeug stürzt aufs Pentagon, Anthrax-Briefe verseuchen den Kongress, der West-Nil-Virus bricht aus, plötzlich taucht die Malaria wieder auf, die Wirtschaft bricht ein, der Irak-Krieg steht vor der Tür. „Irgend etwas geht da vor", sagt der Verkäufer. „Etwas, von dem wir keine Ahnung haben."

Ist es Angst? Ist es Furcht? Zumindest fällt es schwerer als sonst, halbwegs normal zu bleiben.

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