Welt : Eine Stadt sucht einen Täter

Ein Serienvergewaltiger hält Bochum in Atem. 21 Mädchen und Frauen hat er in den letzten neun Jahren überfallen. Massen-Speicheltests sollen ihn überführen

Rolf Hartmann[Bochum]

Sein erstes Opfer fand er vor neun Jahren. Es war eine zwölfjährige Schülerin. Vor einem Jahr gab die Bochumer Polizei bekannt, dass unter Leitung der Kriminaloberrätin Andrea Scheuten eine Ermittlungskommission gebildet worden sei, die sich „EK Messer“ nennt – nach dem Tatwerkzeug, das der Sexualverbrecher mit sich führte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden dem Unbekannten 19 Überfälle auf Mädchen und Frauen zugeschrieben. Weitere Namen kamen auf die Liste der Opfer, der letzte erst vor ein paar Tagen. Eine Nordafrikanerin meldete sich, sie sei im Sommer 2001 vergewaltigt worden. Für die Ermittler ist die Frau das 21. Opfer.

Mit Verspätung, aber dafür mit großem Aufwand macht die Bochumer Polizei Jagd auf einen Unbekannten. Der Serientäter soll seit 1994 mindestens 21 Frauen überfallen und elf von ihnen vergewaltigt haben, viele von ihnen im Bochumer Universitätsviertel. Doch trotz modernster Ermittlungsmethoden und einer Massenaktion mit 8000 Speicheltests fehlen entscheidende Hinweise.

Der Serienvergewaltiger war immer nach demselben Muster vorgegangen: Er lauerte an einsamen Straßen und Plätzen seinen Opfern auf, schleppte sie ins Gebüsch, um sich dort an ihnen zu vergehen. Erst in Sprockhövel, dann in der Nachbarstadt Hattingen, schließlich, vor allem in den letzten Jahren, im Universitätsviertel von Bochum, im Stadtteil Querenburg. Dort sind zierliche junge Studentinnen sein Ziel.

Das erste Phantombild, angefertigt nach Angaben der 12-jährigen Schülerin, zeigt einen jungen Burschen mit Igelhaarschnitt, Oberlippenbart und dunklen, fast melancholisch wirkenden Augen. Spätere Phantombilder, insgesamt werden es sieben, zeigen einen älter werdenden Mann. Die Gesichtszüge wirken härter, der Blick stechender, der kurze Haarschnitt variiert, ist mal glatt und mal strubblig mit Ponyfransen.

Weil er in einigen Fällen einen Kabelbinder benutzte, um seine Opfer zu fesseln, forscht die Polizei in den einschlägigen Firmen nach. In Sprockhövel hängen Plakate mit dem Phantombild des Gesuchten aus, in der kleinen Post, in der Tankstelle, vor der Sparkasse. Auch die DNA-Struktur des Mannes ist bekannt, sie konnte aus seinen Spuren gewonnen werden, die er hinterließ.

Doch alle Fahndungsversuche schlagen fehl, trotz zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung. Immer wieder schlägt der Unbekannte zu. Die neu gebildete Sonderkommission EK Messer beschloss im Jahr 2000, Massen-Gentests mit Hilfe von Speichelproben durchzuführen. Die These der Kriminalisten: Der Täter habe mit hoher Sicherheit seine Kindheit in Sprockhövel verbracht und sei später weggezogen.

Deshalb treten über tausend Männer, die heute zwischen 27 und 42 Jahre alt sind, zum Speicheltest in einer Sporthalle an. Doch auch diese Maßnahme bleibt ohne Erfolg. Das Universitätsinstitut für Rechtsmedizin in Münster untersucht alle Proben. Resultat: Negativ. Per Amtshilfe führen Polizeieinheiten in mehreren Ländern, darunter in Kanada und in den USA, Speicheltests bei ausgewanderten Deutschen durch. Resultat: ebenfalls negativ.

Auch weitere Speicheltests in benachbarten Städten führen nicht weiter. EK Messer nimmt deshalb Kontakt zu einem so genannten Geo-Profiler auf, der für Scotland Yard in London arbeitet. Der Brite kommt nach Bochum und versucht, anhand der Tatorte-Karte geographische Schlüsse auf den Täter zu ziehen, etwa, was seinen Wohnsitz anlangt. Dabei ortet er einen Lebensmittelpunkt im Bochumer Universitätsviertel.

Dort hatten schon vorher wochenlang über hundert Polizeibeamte junge Männer überprüft, die nachts allein unterwegs waren. Doch der einzige, der dabei auffiel, war ein Gummi-Fetischist, der versucht hatte, mit gefesselten Füßen Auto zu fahren.

Erneut beginnt die Polizei einen Massen-Gentest, sie lädt sämtliche junge Männer von Querenburg, darunter viele Studenten, zum Speicheltest ein. Im Juli 2003 sind es insgesamt 7290 junge Männer, die auf diese Weise überprüft werden, um den Sexualverbrecher zu entlarven. Wie Fahndungschefin Andrea Scheuten schildert, wurden außerdem über tausend Hinweise aus der Bevölkerung „abgearbeitet“. Vergeblich.

Noch sind über tausend Speichelproben nicht ausgewertet. Die Ermittler wollen das Ergebnis jedoch nicht tatenlos abwarten und konzentrieren sich jetzt auf etwa 1200 junge Männer, die in Bochum innerhalb der letzten Jahre umgezogen waren. These: Der Täter werde wohl schwerlich immer aus der Ferne anreisen, um sich in Bochum auf die Lauer zu legen. Ein Hauptkommissar: „Er musste warten, warten, warten, bis er eine Tat begehen konnte.“

Der Umfang der Speicheltests hat nun die Kritik des AStA der Ruhr-Universität Bochum ausgelöst. Die Studentenvertretung beklagt die mangelnde Freiwilligkeit bei der Abgabe der Tests, auch den sozialen Druck, der durch die Medien auf die Betroffenen ausgeübt werde. Eine Verweigerung des Tests könne nicht automatisch einen konkreten Tatverdacht bedeuten. Hannelore Sinagub vom AStA-Referat für Grund- und Freiheitsrechte: „Was sich hier abzeichnet, ist eine systematische Umkehr der so genannten Unschuldsvermutung.“ Außerdem sei die Aktion aus datenschutzrechtlichen Gründen bedenklich. Die Leiterin von EK Messer, Andrea Scheuten, weist die Kritik zurück: „Die Angst, dass bei uns DNA-Daten missbraucht werden, ist unbegründet.“

Da von dem Täter ein „genetischer Fingerabdruck“ vorliegt, sind die Speicheltests das sicherste Mittel, ihn ausfindig zu machen, ihn vor Gericht zu bringen und zu verhindern, dass er weitere Opfer sucht.

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