Welt : Eine Stadt unter Hausarrest

Mit drastischen Maßnahmen bekämpfen Singapurs Behörden die Lungenkrankheit Sars

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Eigentlich ist es anderswo schlimmer – in China, Hongkong, Kanada und Vietnam sind mehr Menschen gestorben. Aber nirgends haben die Behörden heftiger auf die Lungenkrankheit Sars reagiert als in Singapur: Alle Schulen sind geschlossen und knapp 800 Menschen stehen unter so genannter „Hausquarantäne“. In Singapur, dem kleinen südostasiatischen Stadtstaat an der Seestraße von Malakka, leben knapp drei Millionen Menschen dicht gedrängt auf einer Insel. Zwei von ihnen sind an Sars gestorben, 78 krank. Anfang der Woche, also schon bevor der erste Patient starb, hatte das Gesundheitsministerium den „Infektionskrankheits-Erlass" zur Hilfe genommen, erstmals seit 33 Jahren. 740 Menschen, die zum Verwandten oder Bekanntenkreis von Erkrankten gehören, wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben.

Mittlerweile ist die Liste der Namen länger, 861 stehen darauf, zehn Tage lang dürfen sie ihre Häuser oder Wohnungen nicht verlassen. Wer das trotzdem tut und erwischt wird, muss umgerechnet 2 900 Euro Strafe zahlen. Beim zweiten Verstoß ist das Doppelte fällig. Singapurs Gesundheitsminister Lim Hng Kiang spricht von einem Signal und ist wohl einer der wenigen Menschen auf der Welt, der nicht den Irak meint, wenn er von Krieg redet: „Ein stärkerer Krieg gegen die Infektionskette hat begonnen“, meint Kiang. Drei Singapurer hatten den Sars-Erreger in ihre Heimat gebracht, als sie von einem Hongkong-Besuch zurückkehrten. Im Bezirk Kowloon waren sie, im Hotel „Metropole“, im neunten Stock. Dort wohnte auch ein 64-jähriger Arzt aus der südchinesischen Provinz Guangdong, der später an Sars starb. Der Arzt steckte nicht nur die Singapurer an, sondern auch eine Frau aus Kanada, die Sars dorthin brachte und später ebenfalls starb. Alle Singapurer, die sich vor ihrem Rückflug im Hotel „Metropole“ mit Sars angesteckt hatten, liegen noch in Singapurs Tan Tock Seng-Krankenhaus, das nur noch Sars-Patienten annimmt.

Am Mittwoch, als der erste Sars-Tod bekannt wurde, griff die Regierung wieder durch und schloss alle Schulen Singapurs. Zunächst für zehn Tage, danach will man weitersehen. Manche Eltern hatten ihre Kinder aus Angst eh nicht mehr geschickt. Zwei Schüler waren Anfang der Woche erkrankt, ihre Schulen waren sofort geschlossen worden. Und nun sind alle dicht. Jetzt sollen die Eltern ihren Kindern sagen, dass sie ihre freie Zeit am besten zu Hause mit Lernen verbringen sollen. „Wenn die Schüler sich in ihrer Freizeit treffen, macht das den Sinn der Schulschließungen kaputt“, meint der Gesundheitsminister, „wir wollen mit der Maßnahme ja vermeiden, dass große Schülergruppen engen Kontakt haben.“ Die Singapurer leiden nicht nur unter den harten Maßnahmen der Regierung und wegen der Angst vor der Krankheit, Sars hat auch wirtschaftliche Folgen für sie. Vor allem, weil die Touristen wegbleiben. Der große Nachbar Indonesien rät seit Donnerstag von Reisen nach Singapur ab.

In Deutschland ist unterdessen ein 29-jähriger Taiwaner wegen Sars-Verdacht in ein Kölner Krankenhaus eingeliefert worden. Der 29-Jährige leide an Fieber und Husten. In der Freiburger Universitätskinderklinik wird ein 18 Monate alter Junge ebenfalls wegen Sars-Verdacht behandelt.

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