Welt : Eine Unschuldsversion für die Schaulustigen

Der mutmaßliche fünffache Mörder von Augsburg wurde nach einem Schusswechsel in der Türkei gefasst – in der Menschenmenge verhandelte er mit der Polizei

Thomas Seibert[Istanbul]

Die 15. Straße im Viertel Mirza Celebi gehört nicht zu den besten Gegenden der südtürkischen Großstadt Adana. Zwischen heruntergekommenen Häusern, Dreck und Geröll endete dort am Samstag die Flucht von Ali Göbelek. Diese Flucht nach dem Fünffach-Mord von Augsburg hatte vor einer Woche begonnen. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte 37-jährige Ex-Soldat hielt sich womöglich schon seit Tagen in Adana auf, wo er viele Verwandte hat und wo am Freitag seine ermordete Frau und zwei weitere Opfer des Augsburger Verbrechens beigesetzt worden waren. Nach einer dramatischen Festnahme durch die türkische Polizei wartet Ali Göbelek in Adana jetzt auf die Auslieferung nach Deutschland.

Es war um die Mittagszeit, als die Beamten in Adana einen Tipp erhielten.

Ali Göbelek, dessen Foto in den letzten Tagen in allen türkischen Zeitungen abgedruckt worden war, sei in einem Laden gesehen worden, hieß es. Die Polizisten rückten aus und orteten den Gesuchten schon zehn Minuten später in der 15. Straße. Doch Göbelek, ganz in Schwarz gekleidet und mit einer Pistole bewaffnet, wollte sich nicht ergeben. Er feuerte um sich. Die Polizisten schossen ihm ins Bein, um ihn an der Flucht zu hindern.

Mitten auf der Straße begannen anschließend die Verhandlungen zwischen dem mutmaßlichen Mörder und den Behörden. Auch mehrere Verwandte, darunter Alis Bruder Süleyman, waren in die 15. Straße gekommen, um den Gesuchten zu überreden, sich zu ergeben. Doch Göbelek weigert sich. „Ich bin unschuldig", schrie er immer wieder und fuchtelte mit seiner Waffe in der Luft herum. Dann hielt er sich die Pistole an den Kopf und drohte damit, abzudrücken.

Unterdessen versammelten sich immer mehr Schaulustige und Journalisten in der Straße. Göbelek war diese Aufmerksamkeit offenbar willkommen: Er wolle seine Geschichte erzählen und mit einem Kameramann reden, sagte er – doch dann überlegte er es sich anders, weil er befürchtete, der Kameramann könne ein getarnter Polizist sein.

Seine Geschichte wurde er aber doch los. Zwei Skinheads hätten den Fünffach-Mord von Augsburg begangen, sagte Göbelek den Polizisten vor ihm – er selbst habe beide anschließend getötet. Außerdem sei es nicht wahr, dass er seiner – ebenfalls in Augsburg ermordeten – Schwiegermutter Geld und Goldschmuck gestohlen habe. Von der türkischen Polizei forderte Göbelek die feste Zusage, ihn nicht nach Deutschland auszuliefern, wenn er sich ergeben sollte.

Anderthalb Stunden lang verhandelte Göbelek in der 15. Straße mit der Polizei. Dann leistete er sich einen Moment der Unachtsamkeit. Darauf hatte der Polizeioffizier Olcay Cevik gewartet: Er stieß Göbelek zu Boden, dann warfen sich noch andere Polizisten auf den Gesuchten. Anschließend wurde er in einem bereits wartenden Krankenwagen unter starken Sicherheitsvorkehrungen in die Numune-Klinik gebracht. Bei den nun beginnenden Verhören wird die türkische Polizei zunächst untersuchen, ob in der Türkei selbst etwas gegen Göbelek vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, dürfte er rasch nach Deutschland gebracht werden.

Göbelek, der früher in einer Spezialeinheit der türkischen Armee im Krieg gegen die kurdische PKK kämpfte, war erst vor etwa anderthalb Jahren nach Deutschland gezogen. In Augsburg soll er sich häufig mit seiner Frau Aylin gestritten und ihr auch schon mit Gewalt gedroht haben. Verwandte Göbeleks hatten in türkischen Medien berichtet, der Ex-Soldat sei eifersüchtig, verdächtige seine Frau der Untreue und sei außerdem neidisch, weil Aylin besser in Deutschland zurechtkam als er selbst. Ob dies tatsächlich das Tatmotiv für die Morde von Augsburg war oder ob Göbeleks Skinheads-Geschichte mehr ist als nur die Lügengeschichte eines Mörders, werden die Ermittlungen zeigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar