Welt : Eine Verrohung auf beiden Seiten

Christian Schertz

Die Gesamtumstände des Prozesses gegen Ernst August, das angeklagte Verhalten (körperliche Attacke gegen Fotoreporter und Beleidigung einer Journalistin), das Vorverhalten der Medien, aber auch der überfallartige Andrang von Journalisten im Amtsgericht Springe machen eines hinreichend deutlich: Die Verrohung im Verhältnis zwischen den Medien, oder besser Boulevardmedien, und den Prominenten.

Und zwar auf beiden Seiten: Bei der unbarmherzigen Jagd nach Schlagzeilen gerade im Bereich des Privatlebens Prominenter oder auch im Zusammenhang mit spektakulären Unglücksfällen greifen manche Medienvertreter zu Methoden, die für sich genommen bereits Straftatbestände erfüllen oder zumindest ethisch höchst bedenklich sind: Erinnert sei nur an das Kamerateam, welches Harald Juhnke in offensichtlich hilflosem und stark angetrunkenem Zustand interviewte und den Sender, der dieses Interview auch ausstrahlte, an die Journalisten, die aus der Ballettschule der am Lassa-Fieber gestorbenen Studentin Bilder entwendeten und die Zeitungen, die diese Bilder mit Schlagzeilen wie: "Sie war so schön" druckten oder auch an den Selbstmord von Raimund Harmsdorf, nachdem Zeitungsberichte ihn aufgrund schlampiger Recherche für verrückt erklärt hatten. Mit dieser Entwicklung einher gehen die Reaktionen mancher Prominenter auf Journalisten, die mitunter eben in Attacken auf Fotoreporter enden.

Erst im Nachhinein

Dabei soll nicht vergessen werden, dass Prinz Ernst August sicherlich sehr speziell ist. Nicht außer Acht gelassen werden kann indes, dass bei dem ihm vorgeworfenen Verhalten offensichtlich auch ein Stück Hilflosigkeit gegenüber der Presse mit im Spiel war.

So können presserechtliche Schritte eine Berichterstattung zumeist erst im Nachhinein verbieten, Rügen des Deutschen Presserates sind ein stumpfes Schwert. Auch die Ursachen dieser Entwicklung sind vielschichtig und liegen auf beiden Seiten, den Medien und den Prominenten.

Auf der einen Seite steht der harte Konkurrenzkampf im TV- und Print-Geschäft gerade im Bereich der Boulevardmagazine, der zu einem kaum zu sättigenden Bedarf an "guten Storys" geführt hat. Auf der anderen Seite stehen zunehmend Personen, die bedingungs- und schamlos die Medien zur Erzeugung oder Erhaltung ihrer Prominenz nutzen und bedienen und sich dabei auch nicht scheuen, Ultraschallaufnahmen ihres noch im Mutterleib befindlichen Kindes an die Presse zu geben.

Kein Ende abzusehen

Die Folgen solcher Medieninszenierungen sind für Prominente insgesamt, also auch für diejenigen, die gerne ihr Privatleben geschützt sehen würden, fatal, da derartige Veröffentlichungen zunehmend als Normalfall empfunden werden und insofern faktisch aggressivere Formen von Berichterstattung gerade aus der Welt der Schönen und Reichen gefordert sind. Ein Ende dieser Entwicklung ist beileibe nicht abzusehen, zumal immer mehr "Medienfiguren" auftauchen, sei es aus der Luderliga, sei es aus dem Nichts, die ihre Intimsphäre zur Disposition stellen, nur um berühmt zu werden oder zu bleiben. Ein Lichtblick bleibt allerdings das Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung aus diesem Jahr, Kameras zumindest aus deutschen Gerichtssälen nach wie vor zu verbannen, um ein faires Verfahren zu gewährleisten und um die Persönlichkeitsrechte der Verfahrensbeteiligten zu schützen.

Insofern werden auch heute bei der Erörterung der Einzelheiten der Prinz Ernst August vorgeworfenen Taten keine Kameras zugegen sein. Auf deutsche Gerichte ist doch noch Verlass.

0 Kommentare

Neuester Kommentar