Welt : Eine Welt voller Stars

Myspace.com ist die größte Internet-Gemeinde des Planeten. Millionen suchen Freunde und ein Publikum

Matthias B. Krause[New York]

Die Gesichter mit Masken verhüllt, die Körper mit Tätowierungen übersät, pflegen die sechs Jungs ihr Image als Ghetto Kids aus Los Angeles. „Hollywood Undead“ nennen sie sich, und seit sie die Musik, die sie bislang nur im Wohnzimmer vor sich hin klimperten, auf der Internet-Seite myspace.com (http://www.myspace.com/hollywoodundead) veröffentlichten, sind sie Stars.

Innerhalb von wenigen Wochen setzten sie sich an die Spitze der internen Charts, 42 Millionen Besucher haben sich bis heute ihre Seite angesehen, zwölf Millionen ihre Songs angehört. „In wenigen Wochen wurde es eine große Sache und seitdem ist es nur noch gewachsen“, sagt Jeff Phillips, einer der Sänger die Gruppe, schon bald verhandelten sie mit einer großen Plattenfirma.

Doch der Reiz, über Nacht mit seinen Talenten berühmt zu werden, ist bei weitem nicht der einzige, der Millionen auf der ganzen Welt – viele auch in Deutschland – dazu bringt, ihr Bild und ihre Profil bei MySpace zu präsentierten. Den meisten geht es darum, sich auszutauschen, Freunde zu finden, Gleichgesinnte. Der Anfang ist einfach. Ein Computer und eine E-Mail-Adresse, mehr braucht man nicht, um sich kostenlos zu registieren. In kleinen vorgegeben Feldern kann man dann eintragen, was die anderen über einen wissen sollen. So erfahren die Besucher auch gleich die Körpergöße, Familienstand und Kinderwunsch, was später die Suche nach einem geeigneten Partner einfacher macht. Und schon zieht man los und kann Freunde einladen, sich auf seiner Seite zu präsentieren, Kommentare zu hinterlassen oder sich an den Tagebucheintragungen zu beteiligen. Außerdem lässt sich die Seite mit Musik und Videos aufpeppen.

Vieles wirkt wie die Fortsetzung des guten alten Posiealbums mit modernen Mitteln. Nur, dass jetzt nicht lediglich die engsten Freunde einen Blick hinein werfen dürfen und sich darüber austauschen, wie „süß“ der Junge aus der Nachbarklasse ist, sondern die ganze Welt. Was viele MySpace-Besucher keinesfalls davon abhält, Intimes zu offenbaren, offenherzige Fotos zu verwenden und unzweideutige Avancen umherzusenden. Außerdem macht es die unkontrollierte Webseite leicht, sich selbst neu zu erfinden. Ein neuer Name, ein Wunschprofil, ein manipuliertes Bild – und fertig ist die Kunstperson. So werden aus Hinterbänklern, mit denen keiner etwas zu tun haben will, interessante Online-Persönlichkeit. Wer wirklich populär ist, zählt seine „Freunde“ nicht mehr an zwei Händen, sondern in hunderten. Viele Bewohner dieser Gemeinde, vor allem Frauen, erweisen sich beim Gestalten ihrer Seiten als wahre Künstlerinnen, viele verlieren sich in einem gewaltigen Chaos der Formen und Farben.

Eine ausgeklügelte Suchmaschine macht es leicht, neue Bekannte zu finden, sie sortiert nach Postleitzahl, Alter, Geschlecht, Vorlieben und allen möglichen anderen Dingen. MySpace ist mittleweile unter Schülern und Studenten in den USA so beliebt, dass viele Lehreinrichtungen den Zugang von ihren Computern aus sperren, weil ihren Studenten sonst keine Zeit zum Studieren mehr bleibt und die Netzwerke überlastet zusammenbrechen. Die Universität Berkeley vor den Toren San Franciscos bietet neuerdings für Erstsemester den Kurs „social networking“ an, der sich mit dem Online-Communities beschäftigt – als Pflichtveranstaltung.

Als Chris DeWolfe und Tom Anderson 2003 die Web-Adresse „MySpace“ kauften und mit dem Motto „A place for friends“ vermarkteten, hatte sie zunächst Musikbands und andere Künstler im Blick, die eine Plattform suchten, um ihre Talente einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Bald entwickelte die Webseite jedoch ein Eigenleben und wuchs rapide, im vergangenen Jahr hatte sie 58 Millionen Mitglieder, in diesem Monat registierte sich das 100-millionste. Dem Marktforschungsunternehemen Nieslen Netratings zufolge, ist MySpace hinter Internet-Giganten wie Google, Microsoft, Yahoo, Ebay und Amazon mit 52 Millionen Besuchern pro Monat die zweiterfolgreichste nicht-kommerzielle Webseite – überrundet nur von der englischen Version des Online-Lexikons Wikipedia. Vor gut einem Jahr kaufte die News Corporation von Rupert Murdoch „MySpace“ für 580 Millionen Dollar. Und während die Analysten noch rätselten, wie sich damit viel Geld verdienen ließe, stieg in diesem Jahr die Internetfirma Google ein und blätterte 900 Millionen Dollar auf den Tisch. Mit dem Erfolg wuchsen allerdings auch die Probleme. Polizei und Eltern fürchten MySpace als Jagdgebiet für Sexualtäter, die sich dort mit ihren leichtgläubigen Opfern verabreden. Die Betreiber versuchen zwar, den Bedenken Rechnung zu tragen, für 14- bis 18-Jährige gibt es nur einen begrenzten Zugang, doch schon die Altersangaben zu kontrollieren, ist unmöglich. Vor zwei Monaten verklagte ein 14-Jähriges Mädchen in Texas MySpace auf 30 Millionen Schadenersatz, weil die Webseite sie nicht genug geschützt habe. Sie hatte sich online mit einem Mann verabredet, der sie dann bei ihrem Treffen missbrauchte. Das Verfahren ist anhängig. Derweil häufen sich Berichte, dass Unternehmen nach den MySpace-Auftritten ihrer potentiellen Angestellten suchen – und wenn sie dort etwas Anzügliches finden, von einer Beschäftigung lieber Abstand nehmen.

Gleichzeitig begreifen immer mehr Firmen die riesige Online-Community als Goldgrube, die es nur auszuheben gilt. Wie zum Beispiel Keith Wilson, Besitzer des Punk-Rock-Schuppens „Club Moscow“ in Los Angeles. „Die Leute nennen mich nicht ‚Keith’, sie nennen mich ‚Keith 2.0’, denn das ist mein Online-Name“, sagt er. Er wirbt für einen Klub und seine Band nur noch durch MySpace und es funktioniert prächtig: „Ich habe schon seit Jahren keinen Flyer mehr gedruckt.“ Firmen haben sich darauf spezialisiert, Software anzubieten, mit der auch Computer-Unkundige ihre Webseite interessant gestalten können. Und auch Hollywood lässt sich die Chance nicht entgehen, eine große Fangemeinde zu erreichen. Mittlerweile zahlen die Produktionsfirmen dafür, Profile von ihren Film-Charakteren auf die MySpace-Seite zu stellen. Ricky Bobby, die zentrale Figur in Will Ferrells neuem NASCAR-Film „Talladega Nights“ hat so 47 000 „Freunde“ gesammelt. Die Grenzen zwischen virtuellem Raum und Wirklichkeit sind längst verschwommen, und nicht immer bedeutet Erfolg in der einen Welt auch das Gleiche in der anderen. „Hollywood Undead“ hat MySpace bislang zwar Internet-Berühmtheit eingetragen, aber ein Jahr nach ihrem plötzlichen Ruhm sucht die Gruppe immer noch eine Plattenfirma, die ihre Popularität in Geld ummünzt.

Screenshots von www.myspace.com

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