Welt : Einer Meldung einmal nachgefasst

GA

Die Kunst des Redakteurs besteht darin, die Nachricht mit dem ersten Satz auf den Punkt zu bringen. Einem Journalisten der französischen Agentur AFP ist das jetzt in Jerusalem auf bewundernswerte Weise gelungen. Der erste Satz seiner Meldung lautet: "Im Jerusalemer Zoo haben zwei schwule Geier gemeinsam Küken aufgezogen." Diese Prägnanz ist geradezu meisterlich. Wenn Sie die nachlesen, werden Sie feststellen, dass der Kollege seine Nachricht aber auch noch mit einem moralischen Fingerzeig abschloss. Der Schlusssatz lautet: "In Israel ist Homosexualität kein Delikt, aber gleichgeschlechtliche Paare dürfen keine Kinder adoptieren." Wir rätseln: Was will er uns damit sagen? Soll den Geiern das Küken weggenommen werden, oder sollen schwule Menschen nun auch in Israel Kinder adoptieren dürfen? Tagesspiegel-Korrespondent Charles Landsmann in Jerusalem, dazu telefonisch einvernommen, hat auf die Nachfrage aus Berlin eine ganz banale Antwort: "Ach, das ist doch der Zoo mit der genialen PR-Abteilung. Die erzählen den europäischen Touristen auch, dass sie, getreu der Bibel, Löwe und Schaf in einem Käfig halten. Aber sie verschweigen, dass sie das Schaf jeden Tag auswechseln müssen."

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