Welt : Eingebürgert!: Christian Barnard

Bernd Matthies

Berlin im Frühjahr 2001: Gott, ja. Es braust und brumselt, aber die meisten lustigen Dinge machen dick oder tot oder kosten den Führerschein. Wir ahnen, dass da viel tückische Propaganda im Spiel ist - aber wer will sich schon mit den Experten anlegen, die das sowieso alles viel besser wissen? Der Weg zur Erkenntnis führt im Zweifelsfall durch die Operationssäle des Herzzentrums, wo sie dem Patienten dann zum Abschied praktisch alles verbieten, was das Weiterleben lohnend erscheinen ließe. Ob uns da Christian Barnard weiterhelfen kann?

Nicht, dass der Mann nun auch noch Berliner Herzen transplantieren sollte. Das ist keine Arbeit für über

70-Jährige. Was wir hingegen dringend brauchen, sind mit Autorität unterfütterte Ratschläge wie diese: Vergessen Sie Diäten! Schlafen Sie im Büro! Genießen Sie Sex! Das ist relativ leicht zu befolgen, wenn man einmal vom Büroschlaf absieht. Mal sehen, was der berühmteste Arzt des Jahrhunderts noch so auf der Pfanne hat. Essen Sie richtig Fett! Ähm, eher so: Essen Sie Fett richtig! Na ja: Es läuft im Grunde aufs Olivenöl hinaus, und Barnard geht nicht so weit, nun auch die tägliche Portion Pommes zur Heilspeise zu erklären, was ihm in Berlin zweifellos enorme Popularität einbrächte.

Barnard ist berühmt und vernünftig, und diese Kombination ist in Berlin selten. Er könnte einfach so in ein Fernsehstudio marschieren und überraschende Dinge sagen: "Es ist mir unverständlich, warum ein Formel-1-Rennen Millionen Menschen so magnetisch anziehen kann." Manche seiner Gesundheitsratschläge sind ähnlich verblüffend, wenn er beispielsweise genervten Passivrauchern rät, entweder mit einer dicken Zigarre zurückzubelästigen oder schnell Karriere zu machen: "Verordnen Sie dann in Ihrer Firma generelles Rauchverbot."

Ja, so kann das gehen. Überhaupt ist es ja eine Eigenheit des deutschen Gesundheitssystems, dass es von Krise zu Krise teurer wird und am Ende genau jene Methoden fördert, die seinen Zusammenbruch beschleunigen. Das vermeidet Barnard. Allerdings sollten wir uns von seiner Einbürgerung keine Wunder versprechen: Deutschen Krankheitsfunktionären wäre auch er nicht gewachsen.

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