Welt : Eingebürgert!: Der amerikanische Deli

Jessica Joffe

Wenn Berlin bei den Weltmetropolen mithalten will - den Städten "die niemals schlafen" -, dann muss sie dem Großstadtrhythmus schon ein bisschen entgegenkommen. Was ist denn das für eine Stadt, die oft um sechs Uhr abends schon geschlossen hat! Bis vor kurzem musste man am Wochenende ja nur mal ordentlich ausschlafen, schon konnte man sehen, wie man zwei Tage lag mit einem Viertel Liter saurer Milch und einer ausgequetschten Tube mittelscharfen Senfs auskommt. Die letzte Rettung vor dem Abgrund war die Tanke, wo man 20 Mark für eine weiche Brezel, Teewurst und eine braune Banane bezahlte.

Welch Segen dann die neuen Ladenschlusszeiten! Plötzlich haben wir jedes babyblaue Oberteil bei H&M anprobiert, jede Barry Manilow Platte bei WOM angehört. Nicht, dass wir all die babyblauen Oberteile und Platten gekauft hätten. Aber die neue Freiheit wollte erst mal ausgekostet werden. Anfangs wussten wir eben nur unbeholfen mit der geschenkten Zeit umzugehen.

Aber das ausgedehnte Konsumieren haben wir schnell gelernt, bald gierten wir nach mehr. Und landeten dort, wo die Freiheit grenzenlos ist. In den USA konnten wir morgens um drei durch die Gänge des Superstores flanieren, eine dicke Wassermelone kaufen und einen neuen Rasenmäher. Aber ganz das Wahre war das immer noch nicht. Auf die Seite der Großkonzerne darf man sich ja nicht stellen: die werden schon bald genug die Weltherrschaft an sich reißen. Aber in den Großstädten, da fanden wir endlich die Lösung des Problems: den Deli. Auf 25 Quadratmeter quillen saftige Auberginen, schwarzer Reis, frisch geschnittener Obstsalat aus Körben und Regalen - und das an jeder Ecke, 24 Stunden am Tag. Sie glauben gar nicht, wie geborgen man sich fühlt in der großen Stadt, wenn einem morgens um halb sieben ein frisch gepresster Orangensaft und ein heißes Brötchen entgegen schwebt und man abends um halb elf noch fürs Abendessen einkaufen kann.

Die Delis, die fehlen Berlin. Wie meinte doch ein Event-Manager aus Hamburg neulich in seinem Hohen Lied: Er glaube an Berlin. "Die vielen Gottheiten der Nacht inspirieren mich." Auch Gottheiten müssen essen. Mitten in der Nacht.

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