Welt : Eingebürgert!: Gregor Schneider

Bernd Matthies

Empfänge! Wir erleben gegenwärtig im Übermaß, was uns in den Jahrzehnten der West-Berliner Normalität gefehlt hat: Leute, die auf sich aufmerksam machen wollen und daher andere Leute dafür bezahlen, dass diese wieder andere Leute in großen Mengen auf die Veranstaltungen des Auftraggebers (neudeutsch: events) schaufeln. Dort stehen dann alle angeregt herum und versichern sich gegenseitig, dass man ohne einander praktisch nicht mehr auskommen könne und sich deshalb schon am nächsten Wochenende zum Golfen, Hütevorzeigen, Wohltätigsein etc. treffen werde.

Die Sache boomt so heftig, dass die sattsam bekannten Berliner Prominenten alten Schlags allmählich um ihre Stammplätze in den Gesellschaftskolumnen kämpfen müssen. Doch selbst Newcomer sind um Erfolgsrezepte verlegen. Wie auffallen? Wir brauchen Selbstdarsteller vom Schlage des Mönchengladbacher Künstlers Gregor Schneider, der nach dem Gewinn des Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig zu Hause gefeiert werden sollte - und spontan entschwand, als die Bürgermeisterin zu ihrer Laudatio ansetzte. Das Kulturdezernat teilte anschließend mit, man habe den Künstler "nicht im Griff". Er mache, was er wolle.

Schneider ist der erste Vertreter der Ich-möchte-lieber-nicht-Generation. Er lässt sich weder von Politikern noch von sog. Eventmanagern herumschubsen, und das allein würde ihn schon für hohe Auszeichnungen in unserer Stadt prädestinieren: Einer, der sich nicht feiern lässt, der den anderen das Sich-Selbst-Feiern vermasselt.

Doch Schneider verfügt noch über eine zweite Qualifikation. Er verwandelt große, leere Häuser in absonderliche Kunstwerke, mit Fenstern ohne Ausblick, drehenden Räumen und Wänden, die den unvorsichtigen Besucher ins Nichts stürzen lassen. "Totes Haus ur" hieß das Biennale-Projekt. Auch Berlin hat reichlich tote Häuser, die sich im Dienste der Kunst gern mit etwas Irrsinn füllen ließen. Gregor Schneider könnte gleich mal mit dem Palast der Republik anfangen. Und wenn ihm die dankbaren Politiker anschließend ein wenig huldigen wollen, springt er einfach ein wenig aus dem Fenster. Wir brauchen ihn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben