Welt : Eingebürgert!: Juliette Binoche

Susanne Kippenberger

Wenn Meret Becker ihren Manager küsst, Bruder Ben seinem Baby den Popo putzt und Professor Rott bei einer feinen Gesellschaft ungenießbaren Hummer genossen hat - dann weiß es am nächsten Tag die ganze Stadt. Die Menschen plaudern so gern. Geheimnisse gibt es kaum noch in Berlin, wie auf dem Dorf ist das: Jeder kennt jeden bis aufs Unterhemd. Nur wenn einer Dreck am Stecken hat, fängt er zu schweigen an.

Ein bisschen Zurückhaltung täte der Stadt ziemlich gut. Bei der Berlinale kamen wir auf den Geschmack: Da hat Juliette Binoche "Chocolat" präsentiert. Die französische Schauspielerin raunt ein bisschen was von Schokolade und Genuss - aber von ihrem Liebesleben gibt sie nichts preis. Sie lächelt still und verführerisch, aber will ein Journalist ihr das Geheimnis ihres Sex-Appeals entlocken, schmettert die 37-Jährige ihn einfach ab: "Dicke Lippen dicke Titten, das ist nicht mein Stil."

Nur aus einem macht der Filmstar kein Geheimnis: dass sie von Medienrummel nichts hält. Glamour lässt die Tochter einer Schauspielerin kalt, schließlich stand sie schon mit zwölf auf der Bühne. Gleich mit ihrer ersten Filmrolle, bei Godard, machte die junge Frau Furore - für ihr "beredtes Schweigen" hat der "Spiegel" sie schon damals gerühmt. Ein Seufzer von Juliette Binoche enthält mehr Substanz als das halbstündige Talkshow-Geplapper manch einer ihrer hiesigen Kolleginnen. Reden kann sie schon, bei der Arbeit. Und wenn der Regisseur nicht zuhören kann, bricht sie eben die Dreharbeiten ab.

Zart tritt die Französin auf, die leiseste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Denn Kunst, weiß die Künstlerin, liegt in der Fantasie des Betrachters. Wir wissen, dass sie mal mit Leos Carax zusammen war, dem besessenen Filmregisseur - aber wie wahnsinnig das Leben mit ihm war, darüber schweigt sie sich aus. Wir wissen auch, dass sie in einem Landhaus lebt, aber wo sie die Sofas gekauft hat, wissen wir nicht.

Zu Klatschen hat die Presse wenig, das Partyhopping überlässt die Mutter zweier Kinder anderen. Sie lebe schließlich nicht fürs Vergnügen, sondern um was zu erfahren: über sich und die Welt. Oh, schweigende Schönheit, her mit Dir!

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