Welt : Eingebürgert!: Martin Schmitt

Bernd Matthies

Mit dem Sport kommt Berlin nicht so richtig klar. Dreikommanochwasmillionen Einwohner - und wo sind die Spitzenathleten? Nur die ewig unter Fußpilz und Abwehrschwäche leidenden Herthaner kämpfen noch hinreichend, Franzi dagegen moppelt sich träge durchs Bassin, und so bleiben internationale Titel allein für unsere Frauenversteher, Kürbiskegler und Unterwasservolleyballer reserviert.

Es liegt natürlich auch an der beklagenswerten Situation der Sportstätten. Im Olympiastadion wüten die Bagger, in den Schwimmbädern die Legionellen, und vom Wintersport ist überhaupt keine Rede mehr, seit die letzten Schneekanoniere die Stadt verlassen haben und der Skilift am Teufelsberg vor sich hin rostet. Teufelsberg? Das ist es. Die alte Sprungschanze, ein Symbol des ehernen Freiheitswillens der Mauerstädter, gehört reaktiviert und mit einem Mann bevölkert, der den deutschen Wintersport wie kein zweiter verkörpert: Martin Schmitt.

Könnte ein anderer das internationale Interesse stärker auf Berlin fokussieren? Selbst die Zeitung "Helsingin Sanomat" lobt an Schmitt, er sei "ensinkään tyytyväinen kokierrooksen ja karsinnan vaisuihin esityksiinsä", und dem ist aus hiesiger Sicht nur wenig hinzuzufügen, außer, dass der Spitzen-Skiflieger bei der letzten Vierschanzen-Tournee von sich selbst gesagt hat, er sei "geistig ein wenig müde gewesen". Und warum? Weil das Einerlei der vier Schanzen, die so stereotyp im Alpenraum herumstehen, dringend einer Auffrischung bedarf.

Berlin, verstärkt durch einen geistig wieder wachen Schmitt, ist die Lösung dieses Problems. Knackt er den Schanzenrekord am Teufelsberg, der ungefähr bei 47 Metern stehen dürfte, steht die gesamte Tournee zur Disposition: Die Fünfschanzentournee mit einem Neujahrsspringen in Berlin muss die zwangsläufige Folge sein. Schmitt bringt potente Sponsoren - Uvex, Silvretta, Adidas, Rossignol, Milka - mit, die auch das kleine Berliner Schneeproblem lösen werden, schließlich geht es um die Eroberung des Hauptstadtmarktes. Schmitt muss nach Berlin, und zwar dringend. Er hat gewisse Präferenzen in Finnland bereits eingeräumt: "Nyt voin hypätä loppukauden ilman berliinii". Eingebürgert!

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