Welt : Eingebürgert!: Sandra Häfelin

Bernd Matthies

Ja, wo sind sie denn, die echten Deutschen? Keiner wankt mehr in die Eckkneipe zu Molle und Korn, die Kohlroulade lässt sich kaum noch blicken, und der Knick im Sofakissen ist so selten geworden wie ein echter van Gogh an der Wand dahinter. Nicht, dass am alten deutschen Wesen nun noch irgendjemand genesen sollte - aber ist nicht die Erhaltung einer kleinen, authentischen Kultur in Deutschland mindestens so wichtig wie der Kampf für den Lebensraum der Hototochtla im südwestlichen Borneo?

Da Tilman Zülch, der sich auch "Gesellschaft für bedrohte Völker" nennt, in diesem Fall aber garantiert keine Pressekonferenz geben wird, müssen wir Deutschen selbst ran, und zwar mit einem kleinen Umweg über Japan. Ja, das klingt jetzt ziemlich dämlich, aber dort wohnt eine gewisse Sandra Häfelin, 24 Jahre alt, die den Bogen raus hat. Ihr Buch "Ordnung ist das halbe Leben" gibt den Japanerinnen Ratschläge aus dem Mutterland der Hausfrau, und es hat sich in einem halben Jahr 120000fach verkauft. Weil es als Erklärung dafür genommen wird, dass deutsche Frauen ein zufriedeneres Leben führen: Ordnung, Ordnung, Sparsamkeit, Umweltbewusstsein. Und Ordnung!

Man muss sagen: Sandra Häfelin übertreibt ein wenig. Waschen wir unsere BMWs wirklich bei Regen, um Wasser zu sparen? Beurteilen unsere Nachbarn nach dem Glanz ihrer Biergläser? Beten die Klobürste an als Ikone der Sauberkeit ? Nun ja, die Autorin hat nicht viel Zeit in Deutschland verbracht. Doch gerade deswegen sollten wir ihr die Einbürgerung in die deutsche Hauptstadt dringlich antragen, als Beauftragte für Sparsamkeit, Flaschenbier und den Knick im Kissen, kurz: als Aufseherin über die wahre deutsche Leitkultur.

Wenn das authentisch Deutsche wieder klar gezogen ist, dann kämen auch die anderen Erfahrungen der Sandra Häfelin zum Zuge. Nämlich, uns beizubringen, was es alles aus Japan zu lernen gäbe. Den Eltern Geld für Kosmetik abschwatzen, sich auf kleinstem Raum kommod einrichten, lustige Fotos knipsen und tolle Erfindungen machen. Das Beste aus beiden Kulturen, vermittelt von einer fernsehtauglichen jungen Frau. Bürgern wir ein!

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