Welt : Eingeschlossen in 490 Metern Tiefe

Nach dem schweren Grubenunglück in Russland noch 60 Bergleute vermisst

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Unzählige Kerzen brennen in Moskau nicht nur vor dem Monument für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch vor dem Bergarbeiterdenkmal. Ausgerechnet in der Nacht zum 9. Mai, an dem Russland den 65. Jahrstag des Sieges beging, ereignete sich im südsibirischen Kohlerevier von Kemerowo eines der schwersten Grubenunglücke seit dem Ende der Sowjetunion 1991. Nach offiziellen Angaben kamen dabei bisher 31 Menschen ums Leben, 59 wurden verletzt, sechs davon so schwer, dass sie in Moskauer Spezialkliniken ausgeflogen wurden. Rund 60 Kumpel werden noch vermisst.

Als sich am Sonntag kurz nach Mitternacht die erste Explosion in einer Tiefe von rund 490 Metern ereignete, sollen sich insgesamt 359 Kumpel unter Tage befunden haben. Von ihnen konnten jedoch nur knapp 300 gerettet werden. Während der Rettungsarbeiten kam es zu einer zweiten Explosion, 18 Rettungskräfte starben.

Teile der Grube sind inzwischen überflutet, weil das Drainagesystem ausfiel. Auch funktioniert die Zufuhr von Frischluft erst seit Montagmittag wieder, als es gelang, die Stromversorgung wieder anzuwerfen. Sauerstoff steigere die Gefahr neuer Explosionen jedoch „um ein Vielfaches“, warnte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu. Möglichkeiten der Belüftung seien daher begrenzt. Um die eingeschlossenen Kumpel zu retten, würde deshalb eine Zeit von nur noch maximal 48 Stunden verbleiben.

Die Einwohner von Kemerowo zweifeln, dass es gelingt, weitere Bergleute lebend zu bergen. Außerdem halten sie die offiziellen Verlustzahlen für geschönt. Wie eine Bergmannsfrau bei Radio „Echo Moskwy“ berichtete, ist in der Stadt von womöglich über achtzig Toten und mehr als hundert Vermissten die Rede. Hinterbliebenen will der russische Staat Entschädigungen in Höhe von umgerechnet knapp 26 000 Euro zahlen.

Ungeklärt ist bisher, wie es zu dem Unglück kam. Erhöhte Konzentrationen von Methangas scheiden offenbar aus. Die zum Zeitpunkt der Explosion von den Messfühlern registrierten Werte, so ein Sprecher der Grube, hätten „im Bereich der Normen“ gelegen. Auch technische Mängel, in der Vergangenheit nicht nur in Russland, sondern auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken einer der häufigsten Auslöser einschlägiger Katastrophen, sind eher unwahrscheinlich. „Raspadskaja“ ist nicht nur eine der größten, sondern auch eine der modernsten Steinkohlegruben des Landes. Sie gehört mehrheitlich der Evraz-Gruppe und versorgt vor allem Stahlwerke in Russland und Osteuropa mit Koks.

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