Welt : Einmal China und zurück: So weit das Rad reicht

Jens Voigt

Spätabends im Libanon-Gebirge. Peter Glöckner sucht nach einem Schlafplatz im Freien. In der Finsternis wird ein Maschinengewehr durchgeladen. Glöckner hüstelt, schaltet die Stirnlampe ein. Und dann: Schüsse. Eine Salve verfehlt Glöckners Kopf nur um Zentimeter. Todesangst, die erst verschwindet, als Stunden später Axel Brümmer sowie ein libanesischer Armeegeneral den deutschen Radler aus dem Gewahrsam holen. Drei Monate liegt das jetzt zurück, und inzwischen kann Brümmer die Episode mit heiterer Gelassenheit erzählen.

"Geschossen wird immer mal da unten", sagt der 34-Jährige, "meistens zur Begrüßung oder aus Spaß." Da unten, das war seit Januar: Italien, Israel, Libanon, Syrien, Türkei, Iran, Turkmenistan, Kirgistan. Zusammen mit Axel Brümmer ist Peter Glöckner auf dem Weg nach China. Und zwar mit dem Rad. 8000 Kilometer. Zwei Drittel des Wegs liegen noch vor den beiden Thüringern - davon 3000 Kilometer durch die Wüsten Taklamakan und Gobi. Im Sommer. Das hat noch keiner gewagt.

Brümmer und Glöckner touren auf den Spuren Marco Polos. Das ist ihr Beruf, spätestens seit sie 1995 von ihrer ersten Weltumradelung heimkehrten. Aus dem Torgauer Schlosser und dem Saalfelder Lehrer sind Berufsreisende geworden, Fotografen, Buchschreiber und -verleger, Veranstalter von Dia-Festivals. Die Stars dieser Branche: Reinhold Messner, Arved Fuchs oder Rüdiger Nehberg. Inzwischen spielen Glöckner und Brümmer in derselben Liga.

Deshalb frieren sie heute nicht am kirgisischen Torugard-Pass, wo ihre Räder stehen. Sie schwitzen vielmehr in der Saalfelder Sagittariusstraße und packen eine 400 Kilogramm schwere Jurte zusammen - ein rundes Filzzelt, wie es mittelasiatische Nomaden benutzen. Vorbereitungen auf das Trekking-Festival ihres Ausrüsters "Jack Wolfskin" am Wochenende im Saarland. Danach fliegen sie zurück nach Kirgistan, um weiter zu radeln bis nach Peking: Noch einmal 5000 Kilometer. "Oder 5500?", lächelt Brümmer. Die Dinge ändern sich vor Ort immer mal.

Wie auch China vielleicht. Damals, vor Jahren, als sie als DDR-Bürger aufbrachen und fünf Jahre später in das bundesrepublikanische Thüringen heimkehrten, hatten sie ihre China-Durchquerung als Schock in Erinnerung: Armut, Kollektivismus, Parteidiktatur. Seither haben sie viel gelesen über das Reich der Mitte, Konfuzius, Laotse - um nun mit geschärfterem, sensiblerem Blick zurückzukehren. Den Schock mit Wissen, vielleicht Verständnis auszufüllen, so wie es einst Marco Polo tat. Und auch um, wie der venezianische Kaufmann, für die Sicht, die Werte Europas zu werben.

Im Gepäck haben Brümmer und Glöckner nämlich einen Schriftsatz, der unter Mitwirkung des deutschen Außenministeriums entstanden ist und das Verhältnis Europas zu China beschreibt. In Peking wollen sie das Dokument einem hochrangigen Politiker überreichen, der ihnen, so der Plan, im Gegenzug die chinesische Sicht auf Europa in die Hand drückt, die sie dann per Rad nach Deutschland bringen.

Und unterwegs werden sie wieder Stoff für Anekdoten sammeln. Brümmer erzählt von der israelischen Zollbeamtin, die die Reisenden nach elf Jahren sofort wieder erkannte und bass erstaunt war, wie die beiden so unzivilisierte Länder wie den Libanon oder Iran ohne körperlichen Schaden durchreisen konnten. Von den libanesischen Jungs, die gar nicht glauben wollten, dass so nette Deutsche auch Freunde in Israel haben und staunten, dass Juden tatsächlich auch kein Schweinefleisch essen.

"Weltsichten" haben Glöckner und Brümmer ihre Firma passend genannt, die Verlag, Tonstudio und Agentur in einem ist, zugleich auch Anlaufstelle für den "Saalfeld-Samaipata e.V.". Der Verein organisiert Hilfsaktionen, Spenden und Zivi-Einsätze in einer bolivianischen Stadt, die den Weltumradlern vor ein paar Jahren trotz bitterer Armut über Wochen Quartier geboten hatte.

Wenn sie im nächsten Frühjahr oder Sommer ihre Marco-Polo-Tour beendet haben, wollen Glöckner und Brümmer endlich ihre Wohnungen einrichten. Die Firma stabilisieren, die bislang mehr oder weniger "ferngesteuert" läuft. Sich mehr Zeit geben für Freunde, Verwandte und das Land, das ihnen bisher nur Wartehalle war: "Nach zwölf Jahren im Sattel", sagt Brümmer, "sind wir nun doch angekommen in Deutschland".

Die Sache mit den Schüssen im Libanon hat sich übrigens später aufgeklärt: Drei Wochen später flogen israelische Kampfbomber Angriffe gegen eine Radarstation in genau jener Gegend. Ein libanesischer Posten hatte die Deutschen offenbar für Spione Israels gehalten. "Hätten die auch nur irgendwas mit hebräischen Schriftzeichen bei uns gefunden, wäre wohl Sense gewesen in der Nacht", sagt Brümmer. In seiner Hosentasche fand er später Bonbons, die er in Israel gekauft hatte. Es war die einzige Tasche, die er beim Verhör nicht hatte leeren müssen.

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