• Einmal Kaufhof und zurück: Diese Strecke ist sie 400 Mal gefahren, 2782 Kilometer von der Wolga an die Spree.

Welt : Einmal Kaufhof und zurück: Diese Strecke ist sie 400 Mal gefahren, 2782 Kilometer von der Wolga an die Spree.

Bahnhof Lichtenberg, Sonnabendnachmittag. Walentina Sorbalo versucht, die Fassung zu wahren. An der Schaffnerin drängeln sich panische Menschen vorbei, mit fetten Tüten, die gleich aufzuplatzen drohen. Walentina Sorbalo steht im Gang des Zuges und brüllt Anweisungen ins Gewühl: "Schneller!" "Passen Sie doch auf!" Sie klingt ein bisschen verzweifelt. Gleich fährt der Zug ab, und die Gänge sind noch voll mit Verwandten, die eigentlich nicht hierher gehören. Die nur helfen oder sich verabschieden möchten.

Als der Zug langsam aus dem Bahnhof gleitet, hat sie aufgegeben, sich aufzuregen. Lachend sitzt sie mit ihren Kollegen im Schaffnerabteil und trinkt Tee aus Gläsern. Alle zwei Wochen kommt Walentina Sorbalo für vier Stunden nach Berlin, geht kurz in den Kaufhof am Alexanderplatz und fährt wieder zurück in die Heimat. Zwei Tage, 2782 Kilometer sind es bis nach Saratow an der Wolga. Über 400 Mal ist sie die Strecke schon gefahren. Walentina Sorbalo ist 40, hat blondierte Haare und trägt hohe schwarze Hackenschuhe zur blauen Uniform. Immer, wenn sich der Zug einer Station nähert, spannt sie über den Teppich im Gang einen hellgrünen Schonbezug. Alles soll seine Ordnung haben. Die Schaffnerin sorgt für Odnung. Und sie kontrolliert Fahrkarten, verteilt die Einkäufe der Reisenden auf die Abteile, damit sie beim Zoll nicht auffallen. Und sie versorgt halb Saratow mit Ölradiatoren, Fernsehern und Autoersatzteilen. In ihrem Abteil hütet Walentina einen Kosmetikbeutel gefüllt mit Rubel, Dollar und D-Mark.

Früher war Walentina Sorbalo einmal Mathelehrerin. Richtig gelohnt hat sich das nicht. Sie schaut aus dem Fenster, draußen zieht dunkel Polen vorbei. Die erste Nacht. Die meisten Passagiere schlafen schon oder trinken. Ab und zu kommt einer vorbei und fragt nach dem Schlüssel für die Toiletten. Früher sei sie mit ihrem Mann zusammen gefahren, sagt Walentina Sorbalo in die Stille. "Jetzt hat er es mit den Nieren." Sogar Silvester hätten sie jedes Jahr im Zug gefeiert, irgendwo auf der Strecke. Und getrunken hätten sie, sie macht eine kleine Bewegung mit der Hand, bis zum Abwinken. Sie kennt viele Geschichten, zum Beispiel die von den Überfällen. Ganze Züge wurden Mitte der 90er Jahre leer geraubt. Die Schaffner schlossen die Banditen einfach ein. Natürlich weiß sie auch von den Autoschiebern, die immer mit dem Zug nach Berlin fahren, aber nie mit ihm zurück.

Am nächsten Vormittag schält sie Kartoffeln. Die Schaffner kochen sich ihr Mittagessen selbst. Durch den Gang balanciert eine Frau einen Teller mit dampfenden Hühnerschenkeln. Im Speisewagen sitzen Serjoscha und Wolodja und kippen Wodka im Minutentakt. Ihre Gesichter nähern sich der Farbe der roten Plastikblumen vor ihnen. Die beiden Verkehrspolizisten waren auf einem Kongress in Brest. Wolodja fängt an, von seiner Armeezeit zu reden. Im Tschad habe er gekämpft, bei der russischen Elitetruppe "Alpha" sei er gewesen. Sein Freund blinzelt entschuldigend, er ist betrunken. Die Sowjetarmee - damals hatte alles noch seine Ordnung, Russland war eine Weltmacht.

Walentina Sorbalo trauert den alten Zeiten nicht nach. Vor kurzem konnten sie und ihr Mann sich in Berlin einen gebrauchten Renault kaufen. Erst nach der Ankunft in Russland haben sie bemerkt, dass es dort keinen Renault-Vertragshändler gibt. Bei Minus 20 Grad fiel die Heizung im Wagen aus. Der Bordcomputer spricht nur deutsch mit den Sorbalos, die Gebrauchsanweisung können sie nicht lesen. Das Auto steht jetzt in der Garage bei einem Freund.

Am Montagnachmittag um halb fünf erreicht der Zug Saratow. Walentina Sorbalo bleibt noch zwei Tage allein im Express, um aufzupassen, dass keiner etwas klaut. Dann geht sie nach Hause. Seit 17 Jahren bauen die Sorbalos an ihrem Haus am Rande der Stadt. Drinnen kleben mehrere Schichten Tapeten übereinander. Vor die Zimmertüren haben sie einen Meter hohe Holzstücke genagelt. Damit ihr Pitbull "Sharon" nicht hereinläuft. Sie haben ihn nach Sharon Stone benannt, der Lieblingsschauspielerin von Walentina. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine Drei-Liter-Wodka-Flasche. Die Familie feiert ihre Rückkehr. Das Telefon klingelt. Eine Freundin bestellt ein paar Flaschen Diätwein aus Berlin. "Beim nächsten Mal", sagt Walentina Sorbalo und legt auf.

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