Welt : Einzeltäter und schuldig

Die Geschworenen im Prozess gegen den Kinderschänder Marc Dutroux glauben nicht an ein Netzwerk

Klaus Bachmann[Arlon]

Es ist zwölf Uhr Mittag, als es um den Justizpalast der wallonischen Kleinstadt Arlon lebendig wird. Tagelang herrschte hier Ruhe, die meisten ausländischen Journalisten waren abgereist, ihre belgischen Kollegen warteten lesend, rauchend in der Sommersonne auf Neuigkeit. Tagelang haben die zwölf Geschworenen im Dutroux-Prozess über 243 Fragen beraten, die sie für ihren Schuldspruch beantworten mussten, von der Außenwelt isoliert. Nun verbreitet es sich in windeseile: Sie kommen.

Kurz nach 14 Uhr lässt Gerichtspräsident Stephane Goux die Antworten verlesen: Die Geschworenen haben Dutroux und seinen Verteidigern kein Wort geglaubt – und den meisten anderen Angeklagten auch nicht. Sie erklären Marc Dutroux für schuldig, die achtjährigen Mädchen Julie und Melissa entführt zu haben, sowie die Teenager An und Eefje. Er sei der Anführer einer Bande von Kindesentführern gewesen und habe auch seinen Komplizen Bernard Weinstein ermordet.

Nach Doutroux’ Aussage habe er An und Eefje zwar entführt, sie seien aber von Weinstein und Dutroux’ Komplizen und Mitangeklagten Michel Lelievre ermordet worden. Dutroux’ Ex-Frau hat ihn aber beschuldigt, er habe ihr nach der Tat den Doppelmord gestanden und sie gezwungen, Weinstein zu betäuben, um ihn danach umbringen. Laut Michelle Martin, Dutroux’ geschiedener Frau, wurden auch die kleinen Mädchen Julie und Melissa von Dutroux entführt, was dieser bestritten hat. Die Geschworenen glaubten Michelle Martin. Sie hat aber wenig davon, die Jury bezeichent sie als Mittäterin bezeichnet, die härteste mögliche Beurteilung ihrer Taten. Auch der drogenabhängige Michel Lelievre bekommt das Etikett Mittäter.

Das Urteil ist eindeutig, Zweifel scheinen die Jurymitglieder nicht gehabt zu haben. Erst als Goux mit den Fragen zu Michel Nihoul beginnt, wird klar, dass die Jury zutiefst gespalten gewesen sein muss. Hat sich der Brüsseler Betrüger mitschuldig gemacht an der Entführung und Einkerkerung von Laetitia Delhez? Er hat vor und nach der Entführung mehrfach mit Dutroux telefoniert, Laetitia selbst hat Dutroux nach ihrer Entführung am Telefon an die Adresse eines gewissen Jean-Michel sagen hören: „Es hat geklappt.“ Tags darauf erhielt Dutroux’ Komplize Lelievre eine Gratislieferung Ecstasy-Pillen von Nihoul, deren Wert weit über den Kosten für die Reparatur von Nihouls Wagen lag, die zu dieser Zeit von einem Kumpanen Lelievres durchgeführt wurde. Sieben Geschworene halten Nihoul für schuldig, fünf nicht. Hier haben die drei Berufsrichter das letzte Wort.

Die Antwort auf die Fragen nach Nihouls Rolle in der Affäre ist gleichbedeutend mit der Entscheidung, ob in Arlon alle Schuldigen verurteilt werden, oder ob die vier Angeklagten nur die Spitze eines Eisbergs an Korruption und Menschenhandel sind, der sich auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Belgien ausdehnt. Für die Befürworter der großen Komplotttheorie war Nihoul das Bindeglied zwischen Dutroux und dem belgischen Establishment. Für die Gegner der Theorie, die in Dutroux einen Einzeltäter sehen, landete der dubiose Geschäftsmann auf der Anklagebank, weil er zur falschen Zeit mit den falschen Leuten bekannt war. Der Polizeiinformant habe mit Drogen gehandelt, er habe gelogen, doch eine Verbindung zu Dutroux’ Kellerloch, in dem dieser vier Mädchen einkerkerte, sei nicht nachweisbar. Dass Nihoul seinen Drogenhandel im Auftrag der Polizei betrieb, haben ihm die Geschworenen nicht abgenommen. Doch ist Nihoul nur Boss einer Drogendealerbande, oder auch Auftraggeber einer Kindesentführung und Hintermann bei der Entführung von Laetitia Delhez? „Nein“ sagen die drei Berufsrichter. Damit hat das Gericht klar gemacht: An der These vom großen „Pädofilennetzwerk“ ist nichts dran. Dutroux hatte zwei Mittäter und betrieb mit Nihoul Rauschgifthandel, doch mit den Kindesentführungen hatte Nihoul nichts zu tun. Eine Verbindung zu höheren Kreisen, Politik, Wirtschaft oder gar den Königshof, wie in den letzten Jahren immer wieder behauptet wurde, hat es nicht gegeben. Die Eltern der entführten und ermordeten Mädchen sind zufrieden. Anne und Paul Marchal zeigen sich gelöst und „erleichtert“, die Jury ist fast allem gefolgt, was sie über ihre Anwälte während des Prozesses beantragt haben.

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