Eislingen : Es ging ums Geld

Die Morde in Eislingen lösten entsetzen bei den Dorfbewohnern aus. Der 18-jährige Andreas H. soll mit einem Freund die eigene Familie ausgelöscht haben – Staatsanwaltschaft nennt erstmals ein Motiv.

Dirk Hülser[Göppingen]

Sie galten als die netten Jungs von nebenan, waren ehrenamtlich aktiv, auch in ihren Kirchengemeinden. Umso mehr waren die Menschen in Eislingen bei Stuttgart erschüttert, als Andreas H. und Frederik B. am Ostersamstag verhaftet wurden. Der Vorwurf: Sie sollen in der Nacht zum Karfreitag die 57- und 55-jährigen Eltern und die beiden 22 und 24 Jahre alten Schwestern des 18-jährigen Andreas regelrecht hingerichtet haben – mit insgesamt 30 Schüssen aus zwei Kleinkaliberpistolen, die sie zuvor beim örtlichen Schützenverein gestohlen hatten. Der Verdacht hat sich mittlerweile erhärtet. Mehr noch: Den beiden jungen Männern wird noch eine ganze Reihe weiterer Vergehen zur Last gelegt. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft Ulm nun Anklage erhoben. Der Prozess soll Anfang Oktober beginnen.

Wie kommt ein Jugendlicher dazu, seine Familie umzubringen? Was treibt seinen 19-jährigen Freund an, ihm dabei zu helfen? Michael Bischofberger, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Ulm, hat Antworten auf viele Fragen. Am Ende wird die Jugendkammer des Landgerichts Ulm entscheiden müssen. „Da ihre Opfer nicht mit einem tödlichem Angriff rechneten und somit arg- und wehrlos waren, geht die Staatsanwaltschaft jeweils vom Mordmerkmal der Heimtücke aus. Die Taten dürften zudem aber auch durch Habgier geprägt gewesen sein“, sagte Bischofberger der „Südwest Presse“ und nannte damit erstmals ein Motiv für den grausamen Vierfachmord. Demnach ging es ums Geld.

Die Mutter von Andreas habe ein Konto in der Schweiz besessen, für das der Sohn im Februar dieses Jahres eine Vollmacht bekommen haben soll. Um als Alleinerbe und Verfügungsberechtigter an die sechsstellige Summe zu gelangen, habe er deshalb gemeinsam mit seinem Freund Frederik B. den Plan entwickelt, Eltern und Schwestern zu töten. Frederik sollte anschließend offenbar regelrecht ausbezahlt werden. Neben dem Geld könnte laut Bischofberger noch ein zweites Motiv den Ausschlag gegeben haben: „Möglicherweise fühlte sich der 18-Jährige im Vergleich zu seinen Schwestern familiär benachteiligt.“

Neben dem frühzeitigen Geständnis von Frederik – der allerdings seitdem wie sein Freund Andreas schweigt – gibt es nun auch die Aussage eines Mitarbeiters der Justizvollzugsanstalt, in der Andreas seine Untersuchungshaft verbüßt. Ihm gegenüber soll Andreas seine Tatbeteiligung eingeräumt haben, der Mann soll nun als Zeuge im Prozess aussagen. Andreas schreibt die eigentliche Tat demnach aber seinem Freund zu: „Er bestreitet, selbst geschossen zu haben“, berichtete Bischofberger. Dem steht entgegen, dass die Sonderkommission DNA-Spuren sichern und somit jede der beiden verwendeten Tatwaffen einem der beiden Angeschuldigten zuordnen konnte. Die Ermittlungen förderten auch zutage, dass Andreas wohl schon seit längerem mit dem Gedanken gespielt hatte, die elterliche Wohnung zu verlassen. Nur die Angst „vor wirtschaftlicher Unsicherheit“ habe ihn daran gehindert.

Die Ermittlungsergebnisse zeichnen auch ein ganz anderes Bild der beiden Jugendlichen, als es die Öffentlichkeit bislang hatte. Andreas, der noch im Herbst Vorträge über seine Wanderung auf dem Jakobsweg gehalten hatte, und Frederik sollen im Sommer 2007 zwei Mal in das Vereinsheim eines Eislinger Tennisclubs eingebrochen sein, im Sommer 2008 in einen Supermarkt. Ebenfalls im Sommer 2007 war demnach eine Eislinger Schule Ziel eines Einbruchs, hier wurden ein Computer und ein Beamer gestohlen.

Andreas und Frederik waren auch beide Mitglied in der Schützengilde Eislingen – jenem Verein, bei dem sie im Oktober 2008 neben 17 groß- und kleinkalibrigen Kurz- und Langwaffen unter anderem auch die beiden späteren Tatwaffen sowie etwa 1700 Schuss Munition entwendet haben sollen.

Dazu konnte Bischofberger ein weiteres Rätsel auflösen: Die Ermittler hatten sich immer verwundert darüber gezeigt, dass die Nachbarn in dem Eislinger Mehrfamilienhaus in der Mordnacht keine Schüsse gehört hatten. Schalldämpfer waren auch nie gefunden worden, und es gibt sie auch gar nicht für die beiden verwendeten Pistolen. Nun meinen die Ermittler zu wissen, dass die Angeschuldigten Plastikflaschen als Schalldämpfer benutzt haben.

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