Eislingen : Vier Morde und noch kein Motiv

Die Bluttat von Eislingen kam scheinbar aus dem Nichts. Zur Trauerfeier kamen 700 Menschen.

Gabriele Renz[Stuttgart]

Die vier Särge sind vor dem Altarraum der evangelischen Lutherkirche in Eislingen aufgebaut. Auf ihnen liegen weiße, langstielige Callas drapiert, an der Seite ranken sich weiße Lilien empor. An der Front der Särge haben Freunde und Angehörige Bilder der Toten befestigt, Bilder mit lachenden Gesichtern: Mutter, Vater, die beiden Schwestern. Sie wurden 55, 57, 24 und 22 Jahre alt. Er war Heilpraktiker mit eigener Praxis, sie Lehrerin. Die jungen Frauen besuchten die Pädagogische Hochschule, wollten ebenfalls Lehrerinnen werden. Als die Särge am Samstag unter Polizeischutz zum Friedhof getragen werden, regnet es Bindfäden.

Es gehört über eine Woche nach der Bluttat von Eislingen wenig dazu, sich vorzustellen, dass die etwa 30 Kilometer östlich von Stuttgart gelegene Gemeinde nur wie gelähmt diese Trauerfeier übersteht. Es war ein Vierfachmord in ihrer Mitte, in einer Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern, wo jeder jeden kennt, wo auch die Familie fest verankert war in Vereinen, der Kirchengemeinde. 700 Menschen nehmen am Samstag Abschied. Die Pfarrerin stellt in der Andacht „entsetzte, fassungslose Fragen“ – Fragen, die man in der Region zuletzt nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen gehört hat. Die Seelsorgerin spricht von einem „gespenstischen Ausbruch blindwütiger Gewalt“.

Der 18-jährige Sohn aus der getöteten Familie, Andreas H., durfte nicht in die Lutherkirche kommen, um Abschied zu nehmen. Denn alles spricht dafür, dass er gemeinsam mit einem Freund die Tat begangen hat.

Der Junge, der die zwölfte Klasse eines Wirtschaftsgymnasiums besucht, sitzt in Untersuchungshaft. Der Haftrichter lehnte sein Gesuch ab, an der Trauerfeier teilzunehmen. Während Andreas H. am Samstag noch schweigt, hat sein Freund Frederic eine Tatbeteiligung zugegeben. Der 19-Jährige belastet den Sohn der Familie massiv: „Wir waren das zusammen.“ Der eine war Jugendleiter in der Kirche, der andere seit Jahren bei der DLRG.

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Ausgelöscht. Bei einem Trauergottesdienst, bei dem die blumengeschmückten Särge in der evangelischen Lutherkirche in Eislingen...

Die Tat wurde auf äußerst kaltblütige Weise begangen. Für die Staatsanwaltschaft Ulm und die Göppinger Polizei ist der Hergang klar: Den Gründonnerstag verbringt Familie H. gemeinsam. Die Mutter erledigt Einkäufe für die Feiertage, abends gehen sie und ihr Mann mit Bekannten in ein Lokal, die Schwestern bleiben zu Hause, um gemütlich fernzusehen. Andreas H. und sein Freund ermorden zunächst die Studentinnen, feuern zwei Magazine mit je neun Schüssen auf sie ab, laden sogar nach. Dann machen sie sich auf in die Kneipe zu den Eltern, verbringen dort eine halbe Stunde, kehren dann zurück in Andreas’ Zuhause an der Friedhofstraße, warten auf die Eltern. Die kommen gegen 0.30 Uhr. Die Polizei findet die Eltern, alarmiert am Karfreitagmorgen durch Andreas H., noch in Straßenkleidung im Flur und im Bad – durchlöchert mit acht und sieben Schüssen.

Aufgrund der Hinweise von Frederic wurden in einem Erddepot die beiden Tatwaffen gefunden. Dort liegen auch die 32 Patronenhülsen, die die beiden jugendlichen mutmaßlichen Täter feinsäuberlich am Tatort eingesammelt hatten. Und wieder gibt es eine Analogie zum Amoklauf von Winnenden: Es waren Mordwaffen aus einem Schützenverein – der „Eislinger Schützengilde“, deren Mitglieder die beiden Jugendlichen waren. Die Waffen wurde möglicherweise bei einem Einbruch bei dem Schützenverein im vergangenen Oktober gestohlen.

War die Tat von langer Hand geplant? Vier Wochen lang wurde nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen in den Schulen Baden-Württembergs über Gewalt und deren Ursachen gesprochen, richtete die Landesregierung eine Arbeitsgruppe ein, die „Lehren ziehen“ soll, wurden Lehrer, Schüler, Eltern psychologisch mit Rüstzeug versehen, um sensibler zu sein für Jugendliche, die vermeintlich aus dem Nichts ausrasten könnten. Und dann geschah der Vierfachmord von Eislingen.

Andreas H. schweigt. „Das Motiv ist bisher nicht greifbar“, sagte der Leiter der Polizei Göppingen, Helmut Mauderer, am Freitag bei einer Pressekonferenz. Dem Leiter der Sonderkommission „Familie“, Armin Reutter, ist „ein Fall von ähnlicher Brutalität in Baden-Württemberg nicht bekannt“.

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