Welt : Elektrische Diät

Ruth Franziska Hoffmann

Das Gerät ist so groß wie eine Streichholzschachtel, wiegt vier Gramm und ist möglicherweise die neue Wunderwaffe gegen Fettleibigkeit. Es wird im Fettgewebe des Oberbauchs eingepflanzt und gibt über Elektroden beständig schwache Stromstöße an die Außenwand des Magens ab. Die so erzeugten Dehnungsreize geben dem Patienten das Gefühl, satt zu sein.

Ob das tatsächlich funktioniert, ist bisher noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Seit Anfang des Jahres läuft an der Universitätsklinik Magdeburg eine Studie, in der das von dem italienischen Chirurgen Valerio Cigaina entwickelte Verfahren getestet wird.

Fast jeder Zweite ist zu dick

Insgesamt 30 übergewichtige Patienten wurden für die Studie ausgewählt. 20 von ihnen soll der Magenschrittmacher eingesetzt werden, zwölf haben die etwa einstündige Operation bereits hinter sich. Zehn weitere Probanden bekamen das herkömmliche Magenband. Bei dieser Methode wird der Magen mit einem Band aus Silikon eingeschnürt. Dadurch ist das Volumen kleiner, und der Patient ist schneller satt.

Der Bedarf an wirksamen Methoden im Kampf gegen das Fett ist groß. Fast jeder zweite Bundesbürger ist zu dick, davon sind elf Prozent nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden sogar stark übergewichtig. Für viele gibt jede noch so kleine Erfolgsmeldung aus der Forschung neuen Grund zur Hoffnung. In Magdeburg meldeten sich 300 Patienten freiwillig für die Studie. Die 30 Teilnehmer wurden anhand strenger Kriterien ausgewählt: Maßgeblich war dabei vor allem der sogenannte Body-Mass-Index (BMI), eine Zahl, die das Verhältnis von Fett und Gewicht wiedergibt. Genommen wurden nur Patienten mit einem BMI von mindestens 40.

Bei einem 1,70 Meter großen Menschen beispielsweise entspräche das einem Gewicht von 115 Kilo.

Außerdem müssen die Bewerber körperlich gesund und psychisch stabil sein. Ferner wird erwartet, dass sie bereits versucht haben, mit herkömmlichen Diäten oder Kuren abzuspecken. "Von etwa 300 Bewerbern haben wir bislang nur etwa ein Dutzend ausgewählt", sagt die Internistin Claudia Knippig, die das Projekt leitet.

Der Schrittmacher wird mit der so genannten Schlüssellochtechnik eingesetzt. "Chirurgisch gesehen ist das banal", sagt die Chirurgin Stefanie Wulff, die den Magedeburger Probanden das Gerät eingesetzt hat. "Das Operationsrisiko ist sehr gering."

Ob der Magenschrittmacher hält, was er verspricht, wird derzeit auch in den USA, Österreich, Frankreich, Belgien und Italien getestet. Die Magdeburger Forscher berücksichtigen jedoch im Gegensatz zu ihren Kollegen auch den Placebo-Effekt. "Wir sind die einzigen auf der Welt, die einen Versuch sowohl mit angeschalteten als auch abgeschalteten Geräten machen", sagt Claudia Knippig. Bei der Hälfte der Probanden wird der Magenschrittmacher erst nach etwa einem halben Jahr eingeschaltet.

Aber keiner der Teilnehmer weiß, ob sein Gerät läuft oder nicht, oder ob er vielleicht doch zu den Patienten gehört, deren Hungergefühle mit dem Magenband gezügelt werden. So kann geklärt werden, ob ein Patient nur deswegen abnimmt, weil er an die Wirkung glaubt.

Erste Erfolge kann Knippig schon vorweisen: Die Patienten mit ausgeschaltetem Schrittmacher nahmen bisher nicht ab. Andere hingegen, bei denen das Gerät lief, hätten "schon 16 oder 24 Kilogramm abgenommen", berichtet die Ärztin. Ihnen wurden dabei keine Verhaltensvorschriften gemacht.

"Die Patienten können ihr normales Leben führen, einschließlich sportlicher Ativitäten", sagt die Ärztin. Doch noch sei es zu früh für Euphorie.

Auch der Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie, Professor Peter Malfertheiner, dämpft die Erwartungen: "Noch ist die Patientenzahl zu klein, um eine abschließende Bewertung zu treffen."

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