Elmar Wepper : In der Blüte des Lebens

Bekannt geworden ist Elmar Wepper durch TV-Vorabendserien. Nun hat er seine erste Hauptrolle im Kino. Und ist doch nur er selbst.

Kerstin Decker
Wepper
Elmar Wepper in Doris Dörries Film "Kirschblüten" -Foto: ddp

MünchenDer Mann, der das Foyer des Hotels „Bayerischer Hof“ in München betritt, sieht gar nicht leinwandfüllend aus, noch nicht einmal foyerfüllend. Eher wie ein Angestellter, mit dem abgebremsten Temperament eines durch und durch korrekten Menschen. Darin gleicht er Rudi, dem leitenden Mitarbeiter der städtischen Abfallentsorgung, der nicht mehr lange zu leben hat in Doris Dörries neuen Film „Hanami – Kirschblüten“. Doch Störungen, gar die durch den eigenen Tod, sind nicht vorgesehen in seinem Dasein. Noch nie war Elmar Wepper auf einer großen Leinwand zu sehen. Aber hätte er vor drei Wochen den Silbernen Darsteller-Bären bekommen – wohl niemand wäre verwundert gewesen.

Wepper ist kein Ich-Sager. Eher ein Ich-doch-nicht-Sager. Und richtig: „Nicht ich war’s, der Schnitt war’s“, vermutet er. „Erst beim Schneiden beginnt so ein Film schließlich zu atmen, zu fließen.“ Fließen. Atmen. Das klingt nach Doris Dörrie, der Buddhistin des deutschen Kinos. Aber welcher Anteil des „Kirschblüten“-Gesamtatems ist denn nun seiner? Wepper holt tief Luft und atmet dann nur ein kleines „O Gott!“ aus. Solche Fragen können nur Journalisten stellen. Unbuddhistischer, atemhemmender lässt sich gar nicht fragen. Und man ahnt wieder, was man beim Ansehen des Films schon wusste: Was diesen Mann zum Leinwandereignis macht, ist nicht, dass er ganz anders ist als sonst. Das Ereignis ist, dass er genau so ist wie immer.

Und doch scheint es vielen, als sähen sie ihn zum ersten Mal, ihn, den Allgegenwärtigen – den Fernseh-Wepper, den Vorabendserien-Wepper, den Assistent-des-Kommissars-Wepper, den kleinen Bruder seines großen Bruders Fritz.

Es ist seine Alltäglichkeit, seine vielfach vergrößerte Alltäglichkeit. All das, wofür die „Zielgruppe“ ihn liebt, die man auch „Liebhaber leichter Fernseh-Unterhaltung“ nennt. Gemeinsam mit Uschi Glas ist Elmar Wepper einst der Titel „beliebtestes und sympathischstes Paar im deutschen Fernsehen“ verliehen worden, für Serien wie „Unsere schönsten Jahre“ oder „Zwei Münchner in Hamburg“. Aber einen entscheidenden Unterschied gibt es: Das Fernsehen atmet anders, vor allem: Es atmet fast nie aus.

Wahrscheinlich fehlt Rudi im Film die Phantasie, sich vorzustellen, dass er sterblich ist. Denn Sterben ist unalltäglich. Dass er todkrank ist, erfährt ohnehin erst seine Frau. Machen Sie noch eine Reise, erleben Sie etwas!, rät der Arzt. Rudis Frau, gespielt von Hannelore Elsner, ist doppelt ratlos: Mein Mann will nichts erleben!

Genau das ist der Punkt. Da ist Rudi wie Elmar. Eigentlich wollte der das auch nie. Etwas erleben wollen, heißt ja: sich selbst erleben wollen. Aber Elmar Wepper dachte nie: „Ich muss jetzt unbedingt noch…!“ Elmar Wepper musste nicht einmal unbedingt Schauspieler werden. Also studierte er Medizin, bis er sich fragte: Muss ich das wirklich? Und ließ es wieder. Und studierte Theaterwissenschaft, da muss man nicht mal selber spielen.

Elmar Wepper ist gewissermaßen der antifaustische Typus. Ein Nichtgetriebener. Ein Nichtpaniker. Dafür mögen ihn die Menschen, die Antifäuste, die Vorabendserien gucken. Oder Krimiserien.

Und für seinen warmem Nirwana-Blick natürlich, der niemanden auszuschließen scheint. Der Mann hat grundehrliche Augen, würde die bisherige Wepper-Zielgruppe formulieren, von der niemand weiß, ob sie auch ins Kino geht. Nichts ist aufregender als das Außen, sagt das Fernsehen. Nichts ist aufregender als das Innen, sagen Doris Dörrie, das Minderheiten-Kino, der Buddhismus und Elmar Wepper. Im Bayerischen Hof betrachtet er aufmerksam seine Teekanne. Die steht, nein, sie liegt auf dem Henkel, der Ausguss befindet sich dafür oben direkt neben dem Deckel. Die Kellnerin entschuldigt sich für die Kanne und gewissermaßen für den Originalitätswahn dieser Welt, der auch um ihr traditionsreiches Hotel keinen Bogen mache. Wepper tröstet die Kellnerin: „Die Kanne kenne ich schon.“ Und wer sagt, dass eine Teekanne wie eine Teekanne aussehen muss?

Wer setzt denn die Maßstäbe? Bei ihm war das so: Sein Bruder Fritz ist Schauspieler geworden, also hat er es auch mal versucht. Zuerst als Synchronstimme. Ryan O’Neal, Dudley Moore, später Mel Gibson. Als Synchronstimme sieht einen wenigstens keiner. Sein Bruder spielte Anfang der 70er in „Cabaret“ neben Liza Minelli und manche sagen, dass er eine Weltkarriere hätte machen können. Oder Derricks Assistent spielen. Er entschied sich für Derrick. Allerdings gab es ein Problem: Denn Fritz Wepper war bereits der Assistent des Kommissars in „Der Kommissar“. Es gab aber auch eine Lösung: Der kleine Bruder Elmar übernahm seine Rolle. So blieb alles in der Familie.

Nein, eigentlich muss Elmar Wepper nicht woanders hin. Genauso wenig wie sein Rudi. Und wer in Bayern wohnt – wie Rudi, wie er – muss erst recht nicht woanders hin. Rudi sagt das, Elmar sagt das auch. Aber vor einem Jahr, genau um die Zeit, rief Doris Dörrie an: Wir müssen nach Japan, sofort! Die Kirschen blühen früher dieses Jahr! Die Kirschblüten mussten in den Film, denn sie sind das Symbol für Jugend und Schönheit, aber auch für den Tod, denn je mehr Blüten ein Baum treibt, desto todesnäher ist er. Aber sollte er, Elmar Wepper, wegen des Entwicklungszyklus’ von Obstbäumen sofort bis ans Ende der Welt fahren?

Es liegt noch immer Erstaunen in seinem Blick, wenn er an seine Reaktion am Telefon denkt: „Ich habe gleich ja gesagt, natürlich, sofort.“ Kirschblüten kann man so wenig verschieben wie das Sterben, schon richtig, aber der normale Elmar Wepper wäre doch auf seinem Sofa sitzengeblieben und hätte gewartet, bis die Kirschen in seinem Münchner Vorortgarten blühen. Zumal er gerade – wie jetzt wieder – die neuen Folgen seiner Kochshow mit Alfons Schuhbeck gedreht hatte. „Danach mach’ ich erst mal gar nichts mehr, normalerweise.“ Nicht aus Faulheit, aber wegen der Pause. Die Pause ist wichtig in unserer pausenlosen Gesellschaft, findet Wepper. Auch mache sich niemand eine Vorstellung, wie anstrengend es ist, gut zu kochen und nebenbei noch amüsant zu sein.

„Mag kommen, was will, mag nicht kommen, was nicht will“, sagt er und gießt sich mit erstaunlichem Geschick eine neue Tasse aus der Verkehrte-Welt-Kanne ein. Dörrie, die deutsche Regisseurin mit der buddhistischen Seele muss das buddhististische Naturtalent Wepper gleich erkannt haben, als er vor ein paar Jahren diesen Karpfenzüchter in ihrem Film „Der Fischer und seine Frau“ spielte. Eine kleine Nebenrolle, aber unbedingt authentisch wie fast alles an dem Mann. Denn am liebsten geht er angeln. Dörrie hat ihn beobachtet. Und gesagt: Vielleicht schreib’ ich mal was für dich. Würdest du mit mir auf eine weite Reise gehen? – Mit dir schon, hat er geantwortet. Viel näher haben sie sich nicht gekannt. „Ich war nicht einmal bei der Premiere“, sagt Wepper.

Und dann, fast ein Jahr später, kam das Drehbuch von Dörrie. Viel dünner als ein normales Drehbuch und viel besser… Wepper dachte: „Das ist es! Das bin ja ich.“ Also einer, der die Ostsee sieht und sagt: Das Meer ist auch nicht mehr das, was es mal war. Zumindest nicht, was es war, als Elmar Wepper von der ersten Theatergage seines Lebens seine Mutter nach Rimini einlud.

Und wegen dieses Drehbuchs – „es ist schon gut, dass es gekommen ist“ – stand er vor einem Jahr genau um diese Zeit, ohne Kochpause, nur zwei Tage nach dem Küchen-Dreh, mitten in Japan und fror. Temperatursturz. „Keine Blüte weit und breit.“ Die Bäume hätten ihre zarten grünen Spitzen am liebsten wieder eingezogen, das Fernsehen zeigte täglich live die Frier-Knospen. Der Staatssekretär für Kirschblütenmanagement wurde entlassen. „Kein Witz“, sagt Wepper, „so was haben die.“

Das wird noch, wir fahren so lange zum Fuji, beschloss Doris Dörrie. Am Fuji spielt die Schlussszene des Films, mit der er stehen oder fallen würde. Denn „Hanami“ ist zuletzt wie die Kirschblüten – eine höchst empfindliche Unwirklichkeit und Überwirklichkeit zugleich, trotz aller Metaphern, hauchzartes Gewebe. Und alles hängt von ihm ab. Hat er das gewusst? – „Aber nein!“, sagt der Kirschblütenmann und ein leises Erschrecken hebt seine rechte Augenbraue. Doris Dörrie wusste es schon. Ich brauchte jemanden, der ganz ohne Pose ist, hat sie gesagt.

Mit der Schlussszene fingen sie also an. Aber der Fuji war auch nicht mehr, was er mal war. Denn er war nicht einmal zu sehen, als sie ankamen, genau wie die Kirschblüten. Und als das endlich anders wurde, musste Elmar Wepper morgens um vier im Hotel sein: „Die Nacht kaum geschlafen, ich hatte Bronchitis, die Pfützen waren vereist, und ich würde gleich die wichtigste Szene des Films drehen.“ Im ersten Tageslicht. Vielleicht die wichtigste Szene seines Lebens.

Man kann anwesend sein und trotzdem sehr weit weg. Die meisten Menschen sind trotz ihrer Anwesenheit für die meisten Menschen sehr weit weg. Also ist Anwesenheit niemals eine physikalische Bestimmung. Es ist eine Durchlässigkeitskategorie. Rudi und Elmar wissen das auch. „Ich spüre, dass sie da ist“, sagt Rudi im Film und meint Trudi, seine Frau, die zuerst gestorben ist. Elmar Wepper formuliert es mit gehobener Stimme so: „Er versucht, die Trudi wie eine Haut anzuziehen.“ Der Gast vom Nachbarsessel schaut sich prüfend um. In diesem einen Punkt unterscheidet sich Elmar doch von Rudi, dem Gewohnheitsgatten. Denn solche hat Wepper bis eben nur gespielt. Obwohl er zu den Männern gehört, die man sich gar nicht ohne Ehefrau vorstellen kann, ohne eine, die hinter ihnen steht und ihnen den Fussel vom Jacketkragen zupft. Trotzdem muss er immer gedacht haben: Heiraten, mein Gott, das ist lebenslang, ist das nicht viel zu lange? Und hat es vor drei Jahren doch zum ersten Mal gewagt, da war er schon 60.

Die meisten von uns leben wie unbewusste Epikureer: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da. Und wenn er da ist, sind wir nicht mehr da. Wir können ihm also gar nicht begegnen – wo bitte ist das Problem? Können wir doch, sollten wir doch, sagt der Film. Aber darüber haben sie nicht geredet in Japan, schon wegen der Leichtigkeit. Und auch heute, nachdem er Rudi kennengelernt hat, denkt Elmar Wepper nicht anders über den Tod als vorher. „Ewiges Leben, das wäre absurd, ja eine Schreckensvorstellung“, sagt der einsame evangelische Christ unter lauter katholischen Bayern, und: „Wenn ein Leben erfüllt war, dann ist es auch gut, wenn es vorbei ist.“

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