Welt : Emilie Schindler: Ihr Vater hatte sie vor dem "Halodri" gewarnt

Claudia Keller

Ich würde mich heute wieder für Oskar entscheiden, schrieb Emilie Schindler mit 88 Jahren in ihren Erinnerungen. Obwohl er sie belogen und betrogen hatte, seit der Hochzeit. Die war 1928, im tschechischen Zwittau. Emilie und Oskar Schindler waren gerade mal zwanzig. Sie: die Tochter eines Großbauern, bodenständig, an harte Arbeit gewöhnt, katholisch erzogen. Ein Jahr hatte sie sogar auf der Klosterschule zugebracht. Er: der Sohn eines Maschinenfabrikanten, leidenschaftlicher Motorradfahrer und schon damals der Schwarm aller Frauen. Ihr Vater hatte sie vor dem "Halodri" gewarnt, sie bestand auf der Heirat. Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen. Den Ehering trug Emilie Schindler bis zu ihrem Tod. Auch wenn sie Oskar da schon 44 Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Nach dem Krieg waren die Schindlers nach Argentinien ausgewandert. In der Nähe von Buenos Aires versuchten sie, mit der Zucht von Nutrias - damals begehrte Pelztierchen - zu neuem Geld zu kommen. In Oskars Briefen an Freunde aus der Zeit wird klar, dass Emilie die Tiere alleine versorgte, während Oskar lieber in melancholischen Stimmungen versank oder sich in der Hauptstadt vergnügte. 1957 ging er dann nach Deutschland, Emilie blieb in Argentinien auf einem Berg Schulden sitzen. Sich scheiden zu lassen, wäre für sie auch nach dieser letzten Enttäuschung nicht in Frage gekommen, schließlich hatte Gott diesen Bund fürs Leben besiegelt. Oskars Briefe aus Deutschland ließ sie dennoch unbeantwortet, zu seiner Beerdigung 1974 in Frankfurt am Main kam sie nicht.

Schrecklich einsam sei sie gewesen, nachdem Oskar weg war, schrieb Emilie später. Und dass sie "als gute Bäuerin immer ein Arbeitstier war, zäh und fleißig." Und so stürzte sie sich in die Arbeit. Das tat sie immer, wenn es bitter wurde und sie vergessen wollte oder verdrängen, was um sie herum geschah. Auch 1942 in Krakau arbeitete die kleine zierliche Frau pausenlos. Bettelte einem Müller Getreide ab, besorgte Obst und Gemüse auf dem Schwarzmarkt, regelte, sprach vor, täuschte die Gattinnen der NS-Bonzen. 1200 Arbeiter mussten täglich versorgt werden. Jüdische Arbeiter, für die Oskar Schindler durch zähes Verhandeln und Bestechen den NS-Schergen die Erlaubnis abgerungen hatte, dass sie in seiner Emailwarenfabrik arbeiten durften. Dort waren sie vor dem sicheren Tod in Auschwitz geschützt. Manche der überlebenden "Schindlerjuden" sagen heute, dass Emilies Verdienst bei der Rettung der Juden mindestens so groß sei, vielleicht sogar größer als das von Oskar Schindler. Andere sagen, dass sie überlebt haben, hätten sie allein Oskars Verhandlungsgeschick, seinem Größenwahn und seiner Spielernatur zu verdanken. Fotos aus jener Zeit zeigen eine schöne Unternehmersgattin, mit modisch hochgestecktem blondem Haar, mal mit Pelzmantel, mal mit schickem Abendkleid. Vermutlich war sie die ideale Ehefrau für einen Oskar Schindler. Eine, die sich in Gesellschaft zu bewegen wusste, sich dezent im Hintergrund hielt, Tränen hinunterschluckte und anpackte bis zur totalen Erschöpfung.

Fest steht, dass Jahrzehnte später, als sich die Öffentlichkeit im Zuge von Thomas Keneallys Buch "Schindlers Liste" für die außergewöhnliche Rettungsaktion zu interessieren begann, nur Oskar Schindler im Rampenlicht stand. Obwohl er da schon längst verarmt gestorben war. Emilie lebte zurückgezogen, immer noch in einem kleinen runtergekommenen Häuschen in der Nähe von Buenos Aires mit zwanzig Katzen, Hunden und Hühnern. Bei ihr hatte sich keiner erkundigt, wie das denn war, damals im Krieg, mit den Juden. Auch Steven Spielberg nicht.

Emilie fühlte sich zurückgesetzt. Dreißig Jahre hatte sie versucht, alles zu vergessen, die "schlimmen Dinge", die sie im Krieg gesehen hatte und ihren Ehemann, der sie so oft verletzt hat. Aber dass nur er die große Tat vollbracht haben sollte, das wollte sie dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Außerdem hatten sich mittlerweile Berater und Beraterinnen eingefunden, die ihr rieten, das nicht auf sich sitzen zu lassen. Denn schließlich ging es, spätestens seitdem Spielberg die Kinokassen füllte, auch um Geld. Seit den fünfziger Jahren sicherte eine Rente der jüdischen Organisation Bnai Brith Emilies Existenz. Später kam eine Rente aus Deutschland dazu. Spielberg lud sie zur Premiere nach Washington und nach Israel ein und überwies ihr schließlich 50 000 Dollar. Für ein Leben in Buenos Aires dennoch nicht wenig. Was mit dem Geld passierte, ist unklar. Schon wenige Jahre später hieß es, dass Emilie Schindlers Auskommen nicht gesichert sei. Erika Rosenberg, selbst Nachkomme eines Schindlerjuden und Emilies engste Beraterin, sagt, dass Emilie gar nicht selbst auf das Spielberg-Geld zugreifen könne. Ein Freund verwalte das New Yorker Konto. Nach eigenem Gutdünken würde er ihr ab und zu etwas zukommen lassen, was aber zum Leben nicht reiche.

Immer wieder reiste sie in den letzten Jahren nach Deutschland. Nachdem 1996 ihre Erinnerungen erschienen waren, wurde sie, die "Schindlerwitwe", ein begehrter Gast in Talkshows. Der plötzliche Medienrummel wunderte sie. Auch, dass sie, die sie doch eine alte Bäuerin geblieben sei, auf einmal von Staatspräsidenten hofiert wurde. Geduldig und auch diesmal bis zur körperlichen Erschöpfung machte sie alles mit. 92-jährig schimpfte sie unwirsch bei Fernsehpfarrer Fliege auf Oskar und Spielberg. Bei anderer Gelegenheit schwärmte sie wieder von Oskars unwiderstehlichem Charme. Mehr als alles andere aber hat sie zuletzt der Besuch beim Papst in Rom beeindruckt. "Ich hatte das Gefühl, dass sich die Schönheit der Stadt und der blühende Frühling an meinem persönlichen Festtag beteiligten." Emilie Schindler ist am Freitag im Krankenhaus von Strausberg gestorben. Sie wurde 94 Jahre alt.

Die Autorin hat 1999 den auf einem Dachboden versteckten Schindler-Koffer ausgewertet, in dem sich auch Schindlers berühmte Liste mit den Namen geretteter Juden sowie zahlreiche Briefe und Dokumente befanden. Sie verfasste zusammen mit ihrem Kollegen Stefan Braun für die "Stuttgarter Zeitung" eine Serie über das Leben Schindlers. Emilie Schindler klagte gegen die Zeitung, weil sie die Vermarktungsrechte für den Koffer beanspruchte.

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