Emotionen : Tränen sind echt - weinen kann man lernen

Ausgerechnet die stets so beherrscht wirkende Hillary Clinton hat geschluchzt. War das echt? Das fragten sich nicht nur die amerikanischen Wähler.

Adelheid Müller-Lissner

Im Vorfeld war wiederholt darauf hingewiesen worden, dass sie zu wenig Emotionen zeige. Nach der Niederlage von Iowa gegen ihren Konkurrenten Barack Obama und vor der wichtigen Entscheidung in New Hampshire musste sie sich etwas einfallen lassen. Vielleicht hat ihr das öffentliche Schluchzen bei ihrem Sieg von New Hampshire genützt.

Kann der Mensch auf Kommando schluchzen? Kann er Tränen vergießen, ohne zu weinen? Gibt es falsche Tränen? Was sagen Wissenschaftler? Rein physiologisch ist die Antwort einfach: Wer weint, bei dem fließt auf jeden Fall echte, salzige Tränenflüssigkeit über die Wangen. Sie wird vor allem in den haselnussgroßen Tränendrüsen oberhalb der äußeren Augapfelränder gebildet, sie gelangt über den inneren Augenrand aber auch in die Nase – weshalb man „Rotz und Wasser heulen“ kann.

Typisch Frau, sagen dann viele. Sind Frauen nicht überhaupt viel näher am Wasser gebaut? Hat nicht jeder Mann im Lauf seines Lebens eine oder mehrere Vertreterinnen des „anderen Geschlechts“ kennen gelernt, die ihn mit ihrem Tränenstrom unter Druck gesetzt haben? Simone de Beauvoir, die gestern 100 Jahre alt geworden wäre, hat das Weinen der Frauen als ihren Versuch interpretiert, Niederlagen in Siege zu verwandeln. Schon in den Tränen selbst liege ein fast sinnlicher Trost: „Zart über die Haut rinnend, kaum salzig auf der Zunge, sind auch Tränen eine bittersüße Liebkosung.“ Männer hielten die hemmungslosen Tränenausbrüche ihrer Partnerinnen jedoch oft für unehrlich, schrieb die Feministin schon 1949. Doch die Tatsache, dass ihr Schluchzen den Mann außer sich bringe, liefere der Frau „einen weiteren Grund, sich hineinzustürzen“.

Denn ihre Erziehung habe ihr beigebracht, „sich gehen zu lassen“. Inzwischen bemühen sich die meisten Eltern, solche Unterschiede in der Erziehung nicht zu machen. Jungen dürfen weinen, und längst nicht alle Mädchen werden Heulsusen. Dafür, wie schnell die Tränen fließen, ist die individuelle Lerngeschichte maßgeblich. „Die Kontrolle des Ausdrucks wird Kindern früh beigebracht“, sagt die Entwicklungspsychologin Maria von Salisch von der Leuphana-Universität in Lüneburg. Aus welchem Anlass Menschen weinen, das ist zum Teil jedoch auch kulturell bedingt.

„Damit es so weit kommen kann, müssen auf jeden Fall zwei Hirnzentren aktiviert werden, die an der Regulierung basaler Emotionen wie Wut und Trauer beteiligt sind“, erläutert Michael Niedeggen vom Arbeitsbereich Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie der Berliner Freien Universität. „Diese Hirnbereiche spielen auch beim Abruf von Inhalten aus dem episodischen Gedächtnis eine Rolle, in dem frühere Erlebnisse mit den dazu gehörigen Bewertungen und Gefühlen gespeichert sind.“

Sie zu aktivieren kann man üben – und das lernen Schauspieler, angelehnt an die Methode des russischen Regisseurs Konstantin Stanislawski, während ihrer Ausbildung. So kann die Darstellerin der Antigone auf der Bühne echte Tränen vergießen – sie denkt aber vielleicht dabei nicht an den Tod ihres Bruders, sondern an ihren eigenen Liebeskummer. „Schauspieler können gezielt durch das Abrufen von Erinnerungen Emotionen hochregulieren“, erklärt Maria von Salisch. Falsche Tränen sind es nicht unbedingt, die dann fließen. Die Übung kann aber dazu führen, dass es einem Schauspieler leichter fällt, aus einer emotionalen „Mücke“ einen Elefanten zu machen – und ihren Augen das „alkalisch-salzige Drüsenprodukt“ zu entlocken, „das die Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpresst“. So plastisch beschreibt Thomas Mann das Weinen seines Helden im „Zauberberg“.

Tränen haben fast immer auch Signalwirkung. Längst bevor Menschen sprechen können, ist das Weinen ein wichtiges Kommunikationsmittel. Und der amerikanische Psychologe Jeffrey Kottler gab seinem Standardwerk vor einigen Jahren ganz bewusst den Titel „The Language of Tears“.

Ob nun Kalkül oder nicht, für Hillary Clinton könnte der Gebrauch dieser Sprache zwiespältig sein, meint Psychologin von Salisch. „Einerseits nützt es ihr, wenn sie weiblich-attraktiv und emotional ebenso gewandt und sympathisch wie ihre männlichen Mitbewerber erscheint, andererseits darf sie nicht verletzlich oder schwächlich wirken.“ Wie auch immer: In der Politik weinen heute mehr Männer als Frauen, so liest man in dem Buch „Tränen vergießen. Über die Kunst zu weinen“ des amerikanischen Kulturhistorikers Tom Lutz. Auch Bill Clinton hat die Sprache der Tränen beherrscht. Vielleicht hat seine Frau von ihm gelernt.

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