Welt : Ende der Weltausstellung: Fossilien der Moderne

Bernd Matthies

Die Frage wird derzeit immer wieder gestellt, doch niemand kann sie vernünftig beantworten: War die Expo 2000 in Hannover denn nun ein Erfolg? Einiges spricht dafür. Die Besucherzahlen haben sich in den letzten Wochen auf konstant hohem Niveau gehalten, die Besucher waren in ihrer großen Mehrheit zufrieden, die Aussteller überwiegend auch, Menschen aus vielen Nationen haben ein großes, friedliches Fest gefeiert, und wer sich anstrengte, konnte sogar allerlei lernen - eine überwiegend positive Bilanz also.

Doch in den kommenden Wochen wird man dieser Bilanz eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüberstellen, und deren Ergebnis ist ebenso zweifelsfrei negativ. Das Milliardendefizit ist durch kein noch so heiteres Finale aus der Welt zu schaffen, und kein Verantwortlicher hat je auch nur angedeutet, das sei ihm die Sache wert gewesen. Was ist nun eigentlich schief gegangen? Ein Geburtsfehler war irreparabel: Hannover ist keine Stadt, die internationale Touristen anzieht, ganz egal, was man in ihr aufstellt. Ganz am Anfang hat es die Expo aber vor allem versäumt, genau und ohne intellektuelle Schnörkel zu erklären, was sie will und was sie bietet. Noch bevor die Presse diese Lücke hätte füllen können, kam der dramatische Besuchermangel, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog - zu Recht, denn er bewies, dass man sich die Finanzierung der Expo mit Phantasieprognosen schön gerechnet hatte.

Der negative Ton bestimmte fortan die Berichte, eine Nörgelspirale kam in Gang, und so funktionierte die Mund-zu-Mund-Propaganda viel langsamer, als sich die Messeleitung das gedacht hatte. Erst im Frühherbst brachten bessere Werbung und besseres Wetter die Wende. Doch daraus folgt nicht, dass die Expo nur am Standort, an falscher Werbung und großmäuligen Prognosen gescheitert wäre.

Mindestens ebenso interessant ist die Frage, ob die typische, auf die Zeit der Industrialisierung zurückgehende Konzeption einer Weltausstellung noch in die Zeit passt. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es für interessierte Laien kaum eine andere Möglichkeit, sich über die Entwicklung von Mensch und Technik zu informieren, und alles, was die besten Ingenieure erfanden, ließ sich sehen, anfassen und dekorativ auf Messegeländen aufstellen. Heute hat sich der Fortschritt aus den großen Fabriken aber längst in Datennetze und Gen-Labors zurückgezogen, findet in komplexen Computerprogrammen statt und nicht mehr in der Werkstatt, und es gibt kaum noch Neuigkeiten, die nicht sofort per Internet oder Fernsehen weltweit verbreitet werden.

Science-Fiction und Monitorgeflimmer

Andererseits ist die Computertechnik längst nicht so weit, dass sie die viel beschworenen virtuellen Welten tatsächlich realistisch erlebbar machen könnte. So blieb der Expo nur ein streckenweise langatmiger Slalom zwischen Pappmaché-Science-Fiction und buntem Monitorgeflimmer, das es kaum mit der häuslichen Playstation aufnehmen konnte. Die Organisatoren wussten das natürlich, und so war ein Teil der Expo dem ebenso achtbaren wie anspruchsvollen Versuch gewidmet, im Rahmen eines Themenparks die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung darzustellen: Wie müssen wir die Welt gestalten, damit auch unsere Nachkommen noch in ihr leben können?

Doch das Geld kam von Sponsoren, die zwangsläufig auch den Kurs bestimmten, und so lief die Aussage häufig auf eine Hommage an die Erfindungskraft der Konzerne hinaus, die es schon richten würden. Beim Thema Energie beispielsweise reichte das Spektrum von der Windkraft über die Atomenergie bis zum im doppelten Sinn fossilen Kohlebergbau - "Anything goes" im globalen Maßstab statt der erhofften normativen Aussagen.

Wer eine praktische Anwendung sehen wollte, ein schlichtes Niedrigenergiehaus etwa, musste draußen, weit entfernt von Hannover, in den kaum beachteten externen Projekten suchen. Ebenso wenig gelang es der Ausstellung, die politischen Rahmenbedingungen zu thematisieren, die erforderlich sind, um überhaupt weltweit ökologische und ökonomische Reformen anpacken zu können; es gab im Rahmenprogramm viele Veranstaltungen zu diesen Fragen, doch sie blieben weitgehend unbeachtet. Wer geht auch schon zu einem dreitägigen Symposium, wenn er drei Mal Eintritt zahlen muss?

Die Grundsatzprobleme dieser Ausstellung waren auch in den Pavillons der einzelnen Länder zu spüren. Kaum ein Land verzichtete darauf, in technisch aufwendiger Projektion darzustellen, dass es erstens zukunftsfreudig sei (Monitore, Digitalcodes, Labore) zweitens die mitmenschliche Solidarität hochhalte (Rollstuhlfahrer, Sonderpädagogik) und drittens touristisch attraktiv sei (Seen, Wälder, Umweltprojekte) - das war nach Besuch mehrerer Pavillons nur noch schwer auseinander zu halten.

Am besten glückte die Selbstdarstellung jenen Ländern, die auf die allfälligen Klischees von Flamenco bis Almenzauber verzichteten und sich mit einer Dosis Selbstironie aus der Affäre zogen, auffällig vor allem bei der Schweiz, deren kantiges Holzlattengebäude mit Textprojektionen und umherschweifenden Musikern als mustergültig gelten durfte. Die längsten Warteschlangen bildeten sich freilich dort, wo der Schauwert höher eingeschätzt wurde - beim lakonischen Etagenwald der Holländer dürfte das aber vor allem daran gelegen haben, dass die Aussicht von oben besser war als anderswo. Doch nicht alle Warteschlangen standen am falschen oder zumindest beliebigen Platz. Der größte Publikumserfolg der Expo, der "Planet of Visions", hat vermutlich am intelligentesten gezeigt, wie man sich dem schlechthin globalen Thema Zukunft gegenwärtig annähern kann - nicht in den bunten, beliebigen Panoramen, sondern in der witzigen Rückschau auf archäologische Schichten des 21. Jahrhunderts. Dort gelang es, mögliche Erfindungen der nahen Zukunft ironisch zu spiegeln, Fortschritt zu zeigen und ihn gleichzeitig ohne pädagogischen Zeigefinger auf seinen Nutzen zu prüfen. Man könnte sich vorstellen, dass unsere Nachfahren einst bei Grabungen in Hannover auf Reste der Expo stoßen. Würden sie begreifen, was sie da gefunden haben?

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